Chr. Stöhr, Berlin
Wirtschaftliche Umschau
Die von Deutschland in Cannes übernommenen Verpflichtungen zur Reform seiner Finanzpolitik haben sich schon jetzt — obwohl ihre Erfüllung vorerst nur eingeleitet wurde — als motorische Elemente erster Ordnung erwiesen, um die deutsche Volkswirtschaft in bezug auf die Bedingungen im Konkurrenzkampf auf den großen Märkten der Welt mit seinen Wettbewerbern bald wieder in eine Reihe zu stellen, ohne ihr allerdings den entzogenen Schutz durch Zuführung neuer Kräfte zu ersetzen. Es hieße aber unsere Gegenspieler unterschätzen, wenn man annehmen wollte, die Ausschaltung des deutschen Wettbewerbs, das heißt die Beseitigung der deutschen Exportprämie durch die geforderte Herauf- fetzung der deutschen Produktionskosten sei das Hauptziel, das die Alliierten durch die Bedingungen von Cannes zu erreichen wünschten. Um den größeren Zusammenhang zu überblicken, sei an folgendes erinnert: die ehemals feindlichen sowie die neutralen Volkswirtschaften, welche aus dem Kriege mit einer weit weniger großen und dringenden Schuldenlast hervorgegangen Waren als Deutschland, haben schon seit geraumer Zeit das Werk in Angriff genommen, durch Beschränkung der umlaufenden Zahlungsmittel die Kaufkraft der Einheit ihrer Währung in bezug auf Waren und Dienstleistungen zu erhöhen mit dem Ziel, das Preisniveau im Inlands zu senken und den Preis des heimischen Geldes im Auslande zu heben. Da nun das große Gläubigerland, die Vereinigten Staaten, mit dieser Politik den Anfang machte, mußten alle anderen Länder, soweit sie eben konnten, folgen, um ihre Währung in einem möglichst günstigen Verhältnis zum Dollar zu erhalten. Der schnelle Aufstieg der Kaufkraft des Dollar in den Vereinigten Staaten hat erst vor wenigen Monaten langsam nachgelassen, wogegen der Preisabbau in den europäischen Ländern (außer in Mitteleuropa) weitere Fortschritte macht. Die Folge davon ist, daß das Verhältnis der Währungen dieser Länder zum Dollar eine Besserung erfahren hat. Wenn dieser Umstand auch für die beteiligten Länder als ein Erfolg zu buchen ist, so ist es doch bis auf den heutigen Tag keineswegs gelungen, die zur Herbeiführung normaler Wirtschaftsbeziehungen von Land zu Land unerläßliche Stabilität der Preishöhen und des Verhältnisses der Währungen zu einander zu erzielen. Dauernd sinkende Preise aber lähnien Produktion und Absatz und müssen Krisen, wie die gegenwärtige, hervorrufen. Der Mißerfolg dieser internationalen Defla
tionsbewegung wird zu einem Teil darauf zurückgeführt, daß sich Deutschland ihr nicht anschließen konnte. Wenn aber nun die Entente von Deutschland fordert, in dieser Richtung ebenfalls Schritte zu unternehmen, so wird damit die eingeschlagene Politik folgerichtig weitergeführt.
Die große Krisis, welche in fast allen Ententeländern und den neutralen Staaten herrscht, hat bis jetzt noch nicht mit gleicher Stärke auf Deutschland übergegriffen. Die aus mannigfachen Gründen im ganzen dauernd sinkende deutsche Valuta erlaubte es bisher, die Ausfuhrpreise niedriger zu halten als die konwrrierenden Länder und zog Aufträge und Arbeit ins Land. Die Gründe für diese Preisgestaltung der deutschen Reichsmark im Auslande liegen aber zum größten Teil weit außerhalb der Einflußsphäre der deutschen Finanzpolitik und sind zumeist aus den deutschen Bemühungen entstanden, die jeweils fälligen Zahlungen der Kriegsentschädigung zu leisten. Soweit nun diese Gründe zufolge ihrer regelmäßigen Wiederkehr die zu erstrebende Siabilität der Reichsmark unmöglich machen und deshalb immer wieder den Anstoß zu Veränderungen in der allgemeinen Preishöhe geben, sind sie auch für die ständige Zunahme der in Deutschland umlaufenden Zahlungsmittel verantwortlich zu machen, welche also auch dann nicht aufzuhören braucht, wenn eS der deutschen Negierung gelingen sollte, diejenigen Teilursncken der Inflation, welche der deutschen Wirtschaft entspringen, abzustellen. Deutschland war also gar nicht in der Lage, sich der internationalen Deflationsbewegung anzuschließen, weil seine Kriegsschulden die Inflation immer neu verstärken; und deshalb ist das bloße Bestehen der deutschen Kriegsschuld eine der vielen Ursachen der gegenwärtigen Weltkrisis.
Nach ganz beträchtlichen Erhöhungen der Einnahmen und Streichung vieler Ausgabe- Posten ist es im Haushaltsplan für 1922 nach dem neuesten Stande der Beratungen in der Tat gelungen, im Etat der allgemeinen Neichsverwaltung einen Überschuß von 16,6 Milliarden Mark zu erzielen. Mehr als diese Summe steht zur Ausführung des Friedensvertrages an baren Mitteln nicht zur Verfügung. Von den gesamten vorgesehenen Ausgaben des Reiches im Finanzjahre 1922 in Höhe von 265,7 Milliarden Mark entfallen 187.531 Milliarden Mark, also 7ö Prozent, auf die Kontributionszahlungen. DaS Defizit des Rechnungsjahres 1922 beträgt 183,3615 Milliarden
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