Weltspiegel
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Poincares Taktik. Die Auseinandersetzung zwischen England und Frankreich zur Vorbereitung von Genua hatte ein etwas verlangsamtes Tempo angenommen. In Paris warf man den Briten vor, daß sie die Klärung Verzogerlen und die französischen Schriftsätze nicht beantworteten, denn getreu seiner Methode führt Poincarö diese Besprechungen durch diplomatische Noten. Um nun die Fühlungnahme wieder in Gang zu bringen, haben fich Lloyd George und Poincarö zu einer kurzen Zusammenkunft in Boulogne entschlossen. Diese Aussprache, die zu einem vollen Erfolge für Poincarö geführt hat, deren unverbindlicher Charakter in Frankreich betont wird, stellt einen Kompromiß dar zwischen dem diplomatischen Vorgehen Poincarös und dem System der mündlichen Erörterungen, das Lloyd George bevorzugt. In Paris, wo der englisch-französische Garantievertrag ganz in den Hintergrund gerückt ist, verwies man darauf, daß weder das Orientproblem, noch die Frage von Tanger, die auf einer englisch - spanischfranzösischen Konferenz behandelt werden soll, vorwärts gekommen seien. Was Genua selbst anbelangt, so ist eine Verschiebung nicht zu vermeiden. Auch in England sieht man das ein, denn das Fehlen einer Regierung in Italien machte die Einhaltung des 8. März zur Unmöglichkeit. Eine solche Vertagung hat, vom deutschen Standpunkt aus gesehen, keinerlei Bedenken, wenn die Vorbereitungen dafür um so gründlicher getroffen werden, denn Deutschland kann bei einer rein sachlichen Untersuchung der Verhältnisse in Europa nur gewinnen. Muß sich doch dabei die Nichtigkeit der deutschen Behauptungen herausstellen, die dem deutschen Volke zugemuteten Lasten seien mit der Leistungsfähigkeit Deutschlands unvereinbar. Diese Erkenntnis bleibt aber der Kernpunkt des gesamten europäischen Wirtschaftsproblems. Es ist kein gutes Zeichen für den Geist, in dem die schwebenden Angelegenheiten erledigt werden sollen, daß Deutschland von den Vorbesprechungen für Genua ausgeschlossen wird. Freilich ist auch die Kleine Entente nicht zugelassen worden, und die Festlegung des Programms von Genua bleibt, auf die führenden Mächte der Entente, einschließlich Belgiens, beschränkt. Hingegen nehmen Vertreter der deutschen Finanzwelt und Industrie an den Sitzungen für die Vorbereitung eines internationalen Syndikats für den Wiederaufbau Europas teil. Der Plan dieser . rein wirtschaftlichen Institution ist in Paris Anfang Januar vereinbart worden. Was bei den Londoner Besprechungen herauskommen wird, ist noch nicht abzusehen. Die Verhandlungen finden hinter verschlossenen Türen statt, und man scheint fich noch nicht einmal über die grundlegenden Vorbedingungen einig zu sein, ob nämlich das Kapital ganz von privater Seite aufzubringen oder von den Regierungen teilweise bereitzustellen und zu garantieren ist. Die Tätigkeit des betreffenden Syndikats soll fich auch auf Rußland richten, und dieses bringt einem solchen internationalen Konzern starkes Mißtrauen entgegen denn die Sowjets wollen nicht zur Kolonie der Westmächte werden.
Poincarö sucht das Programm von Genua möglichst einzuschränken. Die Friedensverträge dürfen ebensowenig wie die vom Völkerbund behandelten Komplexe angetastet und die Reparationsfrage oder die Untersuchung der Schuld am Kriegsausbruch sollen nicht erörtert werden. Daß sich Poincarö im Bewußtsein des ihn treffenden Anteils für diesen Punkt besonders einsetzt, ist angesichts des gegen ihn angesammelten erdrückenden Belastungsmaterials begreiflich. Auch bedeutet die Zulassung der Russen noch keine Anerkennung des Bolschewismus, dem Frankreich anscheinend den Korb höher hängen möchte. Ferner schließt Frankreich, um etwaigen Ausfällen seitens der russischen Vertreter vorzubeugen, alle Kritiken an der französischen Politik gegenüber dem Zarismus wie den verschiedenen Weißen russischen Gruppen aus. Lloyd George hat sich mit diesen Forderungen im wesentlichen einverstanden erklärt. Genua würbe also rein wirtschaftlichen Charakter bekommen, womit Deutschland an sich voll einverstanden sein kann.
Voraussetzung eines wirksamen deutschen Auftretens in Genua zur Erneuerung Europas ist aber die Regelung der Reparationsfrage. Diese soll gemäß dem Antrag Frankreichs der Entschädigungskömmission überlassen bleiben. England hat allerdings Vorbehalte hinsichtlich der Unterhaltungskosten für die BesatzungSarmee, des in London von Anfang an als Bevorzugung Frankreichs betrachteten Wiesbadener Abkommens und der im August vorigen Jahres zwischen den Verbündeten getroffenen Vereinlmrungen über die Verteilung der deutschen Zahlungen gemacht. Bei allen diesen Angelegenheiten sollen die verantwortlichen Finanzminister der beteiligten Mächte gehört werden, über die Deutschland für 1922 zu stellenden Forderungen, die für jede Minderung der Barzahlungen Garantien eingreifendster Natur vorsehen, ist näheres noch nicht bekannt, denn die Ne- parationskommission ist sich über die von ihr einzuschlagende Linie noch nicht schlüssig ge-
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