H. L. Mencken, Baltimore
derartigen Jrrlehrern mit amtlichen Nachrichten zu überschwemmen. Drittens: die Pöbelpropheten mit ihren eigenen Waffen zu bekämpfen, ihre Einwirkung auf das Gefühlsleben durch noch stärkere Einflüsse zu beantworten und ihre unklaren Bsschwichtigungsreden durch noch unbestimmtere und besänftigendere Phrasen zu überbieten.
Seit den Anfangstagen der Republik sind diese drei Systeme in Wirksamkeit gewesen. Die alten Föderalisten wandten die beiden ersten Systeme mit solcher Ausdauer an, daß der damalige Pöbel schließlich aufsässig wurde. Alle drei sind inzwischen von Dr. Wilson bis zur denkbar höchsten Vollendung ausgebaut worden, von einem Manne, der so unerschütterlich an seinen Moral- begriffen festhält, daß dieser Treue höchstens die glänzende Geschicklichkeit gleichkommt, mit der er jedes Vorurteil und jede Schwäche des kleinen Mannes auszubeuten versteht. Aber so hoch- und vielseitig begabte Männer gibt es nicht alle Tage. Im allgemeinen ist das Oberhaupt eines demokratischen Staates ipso facto nicht der tüchtigste Pöbelprophet in seinem Lande, sondern nur einer der tüchtigsten. Vielleicht wäre er unter annehmbaren Bedingungen imstande, es mit jedem einzelnen Nebenbuhler aufzunehmen, aber nur selten kann er sich mit der ganzen Meute, oder auch nur mit einem größeren Rudel messen. Um ihn von dieser Schwierigkeit zu befreien, und somit die unaufhörlichen sinnlosen Angriffe deS Pöbels zu verhüten, müßte allen anderen Pöbelpropheten ein Hindernis in den Weg gelegt werden. Das geschieht am nachdrücklichsten durch Einschränkung der Redefreiheit, die mit Paragraphen anfängt und allmählich die Form und Wirksamkeit nationaler Sitten annimmt. Gerade auf diesem Entwicklungswege sind diese Beschränkungen in den Vereinigten Staaten herausgebildet worden. In den ersten Jahren der Republik, als gesetzliche Bestimmungen entstanden, wurden sie teilweise wieder aufgehoben, aber alles, was eine verständige Grundlage besaß, blieb als Gewohnheitsrecht bestehen.
Man kann nicht verkennen, daß sogar Dr. Wilson trotz seiner gewaltigen Begabung für das dritte, oben erwähnte System, während seiner zweiten Amtsperiode in eine üble Lage geraten wäre, wenn er nicht auch die beiden anderen Methoden angewandt hätte. Stellen wir uns einmal vor, daß im Sommer 1917 in den Vereinigten Staaten die unbedingte Redefreiheit an der Tagesordnung gewesen wäre! Die Post wäre mit sozialistischen und pazifistischen Schriftstücken überschwemmt worden, jede Straßenecke hätte ihren kreischenden Winkelredner gehabt. Die Zeitungen hätten durch ihr Angstgeschrei sogar daS Himmelsgewölbe ins Wanken gebracht, und die allgemeinen Gewissensbedenken wären zur Volksraserei ausgeartet. Angesichts dieser aus Furcht und unsinnigem Gewäsch gemischten Sündflut hätte die deutsche Propaganda überhaupt die Hände in den Schoß legen können; vermutlich hätten sich ihre Werkzeuge zum großen Teil durch ihr verhältnismäßig maßvolles Benehmen verdächtig gemacht und wären als Agenten der amerikanischen Munitionspatnoten gelyncht worden. Denn man darf nicht vergessen, daß der Pöbel sich bestimmt nicht zu dem hingezogen fühlt, der die verständigste Logik und die vornehmsten Ziele vertritt, sondern zu dem, der den größten Lärm schlägt. Und ohne die künstlichen Hilfen eines großen und vielgestaltigen Zeitungsagentenkonzerns, ohne die Befugnis, jeden besonders rührigen Widersacher ohne weiteres einzusperren, wäre selbst der Präsident der Pereinigten Staaten außerstande, die ganze Zunft niederzubrüllen.
Es muß selbst dem fanatischsten Anwalt der Redefreiheit einleuchten, daß es in Kriegszeiten von höchster Wichtigkeit ist, jede derartige innere Schreckensherrschast hintenanzuhalten. In einer so schwierigen Lage muß man mit aller Energie eine einheitliche Politik verfolgen, was offenbar unmöglich wäre, wenn die Volkskreise ohne Sinn und Verstand von einem falschen Messias zum anderen übergehen und der Negierung immer ihren neuesten Götzen aufdrängen wollen. Wenn man nun vielleicht auch den Sozialiften, die durch eine Art Lynchgesetz zum
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