Beitrag 
Tanzkunst
Seite
276
Einzelbild herunterladen
 

Fritz Böhme

Tanzkunst

Von Fritz Böhme

Auf dem Gebiet der Tanzkunst erleben wir augenblicklich das Werden einer neuen Entwicklungsphase. Sie begann, nach An­regungen und im Sande verlaufenen Be­strebungen in der Mitte des vorigen Jahr­hunderts, mit dem Auftreten der Amerikanerin Jsadora Duncan in den neunziger Jahren in Richtung und Zielsicherheit sich zu klären, und hat nun in einer Reihe von Tänzerinnen und teils beschreibenden, teils grundsätzlichen Schriften über Tanzkunst sich soweit zu einer Bestimmbarkeit durchgerungen, daß man das Neue von dem bisher Geltenden abzu­grenzen imstande ist. Allerdings werden diese Abgrenzungen in der breiten Masse des Publikums noch keineswegs klar gesehen, ja zumeist noch nicht einmal gefühlt. Irrtümer, Verwechslungen, Vorurteile spielen infolge der labilen Terminologie der Übergangszeit eine große Rolle, und der eine nennt Tanzkunst, was ein anderer vielleicht mit dem Begriff Tanz, aber niemals mit dem der Kunst in Verbindung bringen könnte. Da das Tanzen allerorten auf der Erde zu einer Art Epidemie geworden ist, glaubt jeder, der halbwegs den Bostontanz bewältigt, über Tanzkunst mit­reden und urteilen zu dürfen, so daß wir einem Chaos ungeklärter Auffassungen gegen­überstehen, deren Aufhellung nur von Nutzen sein kann.

Will man dein Wesen des Tanzes als künstlerischer Schöpfung näher kommen, so muß man ihn in erster Linie von dem Tanz als Gesellschaftsspiel scheiden. Der Gesell­schaftstanz, die kultivierte oder auch entartete Form des Volkstanzes, dient der geselligen Unterhaltung und ist Ausdrucksform der (sonst konventionell eingeengten, im Tanz­spiel gelockerten) Beziehungen der Geschlechter zueinander. Er verlangt die Leistung einer bestimmten Anzahl von Fertigkeiten, die als rhythmische Fortbewegung auf der Fläche dem Kunsttanz ähnlich, ihm aber nicht wesens­gleich find, da sie nicht Kunst, sondern Ver­gnügen bezwecken. Auch bei größerer Kompliziertheit und einer erweiterten An­forderung an die Fertigkeiten der Tänzer, bekommt der Gesellschaftstanz niemals künst­lerische Formen, sondern ist lediglich eine Steigerung zur artistischen Leistung.

Ebenso muß man sich vor der Jdenti-- stzierung von Pantomime, auch in der Form der musikbegleiteten, rhythmisierten

Pantomime und Tanzkunst hüten. Die Pantomime gehört ihrer ganzen Einstellung nach der theatralischen Kunst an, ist stummes Drama. Übersetzung wortgewordener Ge­dankenreihen in Körpersprache. Sie kulminiert in der charakterisierenden, gedanklich ver­ständlichen Gebärde.

Es kann nicht geleugnet werden, daß Beziehungen zwischen diesen verschieden­gearteten Gebieten vorhanden sind: Tanzkunst verwendet auch rhythmische Fortbewegung und Gebärde. Daß man aber zu einer Ver­wechslung kommen konnte, liegt daran, daß die alte Tanzkunst, das Ballett, diese dem Tanz als künstlerischer Gestaltung auch eigenen Züge so stark in den Mittelpunkt ihrer Schöpfungen stellte, daß das Wesent­liche des Tanzes allmählich mehr nnd mehr in den Hintergrund trat. Das Ballet hat einelange Entwicklungsgeschichte hinter sich, die Änderungen und Reformen gezeitigt hat; in den Grundzügen aber ist es sich gleich geblieben. Zurzeit befindet sich das Ballett wiederum in einein reformfreundlichen Zu­stande. Diese Erscheinung hat dazu verführt, seine Bestrebungen mit denen der neuen Tanz­auffassung zu identifizieren und etwa das Russische Ballett" als Träger und Ausdruck des neuen Tanzwillens zu erklären. Aber weder das russische Ballett, noch das schwedische, noch auch die Neubildungen, die in Deutsch­land mit dem Namen Heinrich Kröller in Verbindung zu setzen sind, stehen auf der Grundlage, die sich kundtut in Tänzen einer Mary Wigmcm, Gertrud Leistikow, Valeska Gert, Charlotte Bara, Gertrud Falke und anderer, in dem beschreibenden Werk Hans BrandenburgsDer moderneTcmz" (München, G. Müller) und in der Schrift des Tänzers Rudolf von LabanDie Welt des Tänzers" (Stuttgart, W. Seifert), um die beiden haupt­sächlichsten Schriften über neue Tanzkunst zu nennen.

Alle Neubildungen und Formen des Bal­letts verließen nicht die Grundlage dieser Kunstübung, die ihr von Anfang an eigen war: und auch das, was man in neuerer Zeit einführte, war nicht ein Wachsen der tänze­rischen Basis, sondern die Anwendung un­tänzerischer Hilfsmittel und Anleihen bei anderen Künsten und technischen Errungen­schaften, die wohl die Wirkung des Balletts wiederbeleben, das Wesen aber nicht lebens-

276