Gustav Sack
Gustav 5»ack
Von Dr. Hans B e n z in ci n n
Gustat, Sack fiel als Offizier am 5. Dezember 1916 in Rumänien nach einem Leben voll Not und Elend, voll Entbehrungen und Enttäuschungen, voll Leidenschaft, Selbstverleugnung, voll Schuld und Schmach. Sein ganzes Leben lang hat Sack um Anerkennung gerungen. Freilich war er zu stolz dazu, der Gesellschaft, den „Kulturkceisen". der Kritik usw. irgendwelche Zugeständnisse zu machen. Er war und blieb der „ewige Student", der nicht auf Examen und Anstellung bedacht war, der sich vielmehr für seine Begabung Achtung und Erfolg, Liebe und Lohn erzwingen wollie. An diesem Glauben ist S"ck schmählich zugrunde gegangen. In mancher Beziehung erinnert dieses Dichterschicksal an das Liliencrons. Wie Liliencron liebte auch Sack die Einsamkeit. Immer wieder kehrte er, auch von Nöten aller Art, von seinen Gläubigern bedrängt, nach Schermbeck (bei Wesel), seinem Heimaldorfe, zurück, um, auch hier verachtet und verspottet, unter Entbehrungen sein Leben Hinzufristen.
Es ist wohl natürlich, das; sich dieser leidenschaftliche Dichter, der nur Gift aus seinem Dasein sog, mit Vorliebe einer Pessimistischen Weltstimmung hingab. Schon frühzeitig. Prometheischer Trotz und himmelstürmender Grimm verbanden sich mit dieser düsteren Empfindungsweise und einer Phantasie, die nach dem Urgrund der Dinge forschte und leidenschaftlich den Willen und die Ziele des Unerforschlichen zu ergründen suchte. Byron und Shelley waren Sacks Lieblingsdichter. An den Flug ihrer Phantasie, ihrer Gedanken erinnern namentlich die Jugendgedichte, in denen bereiis sich des Dichters geniale Art unmittelbar und überzeugend offenbart. Die bedeutsamen Prometheus-Fragmente lassen schmerzlich erkennen, welch einen mit Schöpferkraft begnadeten Dichter wir mit Gustav Sack verloren haben. Die späteren Gedichte, zumeist in der tiefen Einsamkeit der heimatlichen Heide im Laufe von Jahren entstanden, muten an wie eine Flucht erregter seelischer Bekenntnisse und Bedrängnisse, eine erschütternde Disharmonie von Klagen und Anklagen gegen Schicksal, Gott und Menschheit in großen tragischen und in grimmigsarkastischen Empfindungen. Gern schildert der Dichter den sich verzweifelnd abmühenden, cius bitterer Not schreibenden Dichter:
„In schweigender Verbissenheit kämpf ich mit eurer Stumpfheit GrauS
allstündlich meine Schlachten aus — oh l schmerzdnrchwühlte Einsamkeit l —"
Dieses wilde, gepeinigte, leidenschaftliche, verzweifelnde Menschentum, das sich doch auch in tiefer Versunkenheit oder in düsterer Klage nach Reinheit und Frieden sehnt, das unmittelbar Menschliche läßt diese Lyrik erschütternd lebendig, so ganz anders wahr und echt erscheinen als die ähnliche Erlebnisse behandelnde neueste Dichtung. Und hierin sehe ich dcn besonderen Wert dieser Gedichte. Gehoben wird diese Unmittelbarkeit durch die hohe Anschaulichkeit, durch das Hineinweben der Natur mit allen ihren Stimmungsreizen.
Und es ist Wohl selbstverständlich, datz dieser von Menschen und Gott verlassene Dichter die schwermütigen Stimmungen des Herbstes besonders eindringlich und intensiv veranschaulicht und sie mit dem Grau seiner Seele durchsetzt. Vgl. insbesondere den krassen sarkastischen Berzweislungsschrei „Nutomnale".
Hervorzuheben sind die immer wiederkehrenden, leidenschaftlich bewegten Stimmungen, in denen der Dichter das religiöse Weltproblem mit seinem schweren Schicksal in Verbindung bringt. Sie bezeugen erst recht, wie tief Gustav Sack, dieser einst ins Leben hinausstürmende, kraftvolle Mensch, mehr und mehr in einen hoffnungslosen Weltschmerz versank, in ihm aber'auch eins gewisse Ruhe und innere Verklärung fand. Um das ganz innerliche, ganz rein- und großdichterische Wesen des allzufrüh dahingegangenen genialen Dichters lebendig zu kennzeichnen, teile ich noch eines seiner schönsten Gedichte abschließend hier mit:
Der Findlingsblock
In weiter Heide auf den Hügelwellen vom Meer der Vorzeit dünend aufgeschlagen, liegt einer der granitenen Gesellen, die einst der Gletscher Strom ins Land getragen.
Und ob der Himmel ihn mit Schlossen schlägt, die Sonne brennt, ein Schneefall ihn ummauert,
oder ein Waldbrand heulend ihn umfegt, er liegt und ruht, schweigsam und stolz, und dauert.
Doch als ich gestern nächtlich vor ihm stand, schien er mir in der Sterne fahlem Licht verwandelt, dieser tote Klumpen Sand in Gottes gramdurchrissenes Angesicht.
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