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Weltspiegel
Paris und Gowjetrußland. über eine mögliche Verschiebung der Konferenz von Genua laufen die widersprechendsten Gerüchte um. Auher Llohd George ist Italien dafür, den 3. März unbedingt einzuhalten. Bonomi hat sich dem Parlamente unter der Fiktion wieder vorgestellt, der König habe sein Rücktrittsgesnch überhaupt nicht angenommen. Dieser Ausweg wurde gewählt, weil de Nicola wie im Juli 1921, im letzten Augenblick doch nicht die Regierung zu übernehmen bereit war; Orlando fand keine Mehrheit^ und da Giolitti nicht zu bewegen war, sich dem Politischen Leben wieder zuzuwenden, griff die Krone auf Bonomi zurück.
Aber Bonomi vermochte kein Vertrauensvotum zu erzielen, und so bleibt die Krisis in der Schwebe. De Nicola und Bonomi selber werden als Nachfolger genannt, aber beide Persönlichkeiten würden nur eine Verlegenheitslösung darstellen. Den Italienern liegt daran, daß Genua zustande kommt, und sie fürchten, bei einer Vertagung könne der ganze Plan zunichte werden. Wie Lloyd George selbst erklärt hat, hängt die Beibehaltung des 8. März jedoch ganz wesentlich von der Klärung der Lage in Italien ab.
Bei den bisherigen Meinungsverschiedenheiten zwischen Paris und London haben Rom und Brüssel zu vermitteln gesucht. Italien wie Belgien scheuen die Vereinzelung. Heute scheint der Tscheche Dr. Benesch den Ausgleich der widerstreitenden Meinungen übernehmen zu wollen. Auf die Kleine Entente baut PoincarS große Hoffnungen. In ihrem Namen reist Benesch, der nach der Beilegung des Vergarbeitsrstreiks wie sein großer Bruder Poiuccnö Ministerpräsidium und Auswärtiges Amt beibehalten hat, nach den westlichen Hauptstädten. Einen Augenblick wollte er der inneren Verwicklungen wegen den Vorsitz im Kabinett abgeben. Aber die nationalistische Richtung hat gesiegt, hat doch Wohl auch Poincarö in Prag zu verstehen gegeben, daß sie ihm genehm ist. Osterreich bekommt die „Belohnung" für Lcma zu spüren. Nachdem die Tschechen Wien einen Kredit natürlich nur zu Anläufen in der Tschechoslowakei eröffnet haben, kommt England mit einem Psundvorschuß, für den die berühmten Wiener Wandteppiche verpfändet werden sollen. Auf der einen Seite wird Osterreich also in die Arme der Tschechen getrieben, dessen verantwortlicher Staatsmann zum Schaden der Nachbarn hochfliegende, ehrgeizige Träume für den Böhmenstaat verfolgt, auf der anderen beraubt man das hilflose Osterreich seiner unschätzbaren künstlerischen Werte, und Frankreich, das auf jede Weise die Vereinigung Deutschlands und Österreichs verhindern will, empfiehlt den Österreichern auf der Bahn von Lana weiterzuschreiten. Je mehr die Österreicher in Bedrängnis geraten, um so fester hält zu ihnen das deutsche Volk, das selbst schwer kämpfen muß, aber iu seiner eigenen Not nie das Ziel des Zusammenschlusses aus dem Auge verliert. In Belgrad hat Dr. Benesch's Betriebsamkeit verstimmt. Dort hebt man im Gefühl der eigenen Kraft hervor, daß die südslawische Armee den Rückhalt der Kleinen Entente bildet. Auf südslawischem Boden, in Laibach, soll die als Vorbereitung für Genua gedachte Zusammenkunft der Kleinen Entente stattfinden. Die Serben haben eine ausgedehnte Balkanpolitik eingeleitet, deren Bedeutung voll zutage treten wird, wenn das immer wieder verschobene Örientproblem endlich zur Behandlung kommt. Paris nützt die Zwischenzeit weidlich aus, um die Fäden zu verwirren. Es möchte die Bulgaren mit den Serben auf der Grundlage einer gemeinsamen Front gegen Griechenland einigen, Zugleich spinnen sich zwischen Sofia und Ängora Fäden, die eine Regelung des Streits um Ostthrazien in dem Sinne verfolgen, daß die Türkei die Maritza- Linie mit Adrianopel als Grenze und Bulgarien in Dedeagatsch den Ausweg ans Ngciische Meer erhält. Auch zu Polen hat Mustafa Kemal Beziehungen aufgenommen.
Über die türkischen Nationalisten scheint sich die Annäherung zwischen Moskau und Frankreich zuerst vorbereitet zu haben, die gegenwärtig so viel Staub aufwirbelt. Ob Russen und Franzosen bereits zu einer amtlichen Bindung gelangt sind, sei dahingestellt. Das ist auch gar nicht der Kernpunkt der Frage. An dieser Stelle ist wiederholt angedeutet Worden, daß die große Gefahr eines russisch.französischen Ausgleichs in der Möglichkeit liegt, Deutschland auf Gruud des Artikels IIS des Versailler Vertrags in der Form einer Kriegsentschädigung an Rußland die Zahlung der russischen Vorkriegsschulden zuzuschanzen. Ob auf den Gesamtbetrag russische Entschädigungsforderungen an Frankreich angerechnet werden oder nicht, ist belanglos. Zweifellos befinden sich die Moskauer Machthaber in einer nicht beneidenswerten Lage. Ihre Politik der Anknüpfung mit den verschrieenen Kapitalisten findet heftige Gegnerschaft und zwingt sie zu Kompromissen im Innern. Lenin und seien
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