Der W o l k e n kr a tz er > R u m m e I
Der Wolkenkratzer-Rummel
Von August Venitz
^)m Land der „Unbegrenzten Möglichkeiten" hat man sich bis vor einiger Zeit nicht viel um die Grundlagen im Städtebau gekümmert. Lager, Siedlungen, Städte entstanden willkürlich aus wirtschaftlichem Bedürfnis und Trieb zunächst an den Küsten, wogegen im Innern des Landes wenig kolonisiert wurde. Eine Folge war die Häufung der Menschen an Stellen wie New-Aork, Philadelphia u. a. m., die als Sammelpunkte Gewiun und Erwerb abwarfen. Wie die Ursache der Niederlassung verschieden war, so verschieden waren auch die Menschen in ihrer Herkunft, Erziehung und Vergangenheit, die hier, um ein neues Leben zu beginnen. Zusammenströmten.
Als dann die Küstenanlcgestellen, eng gedrängt der Ausbreitung keinen Platz mehr boten, entschloß man sich, notgedrungen zur Entwicklung ins Jnnenland- auch griff amerikanische Willkür dazu, die Interessen der Volksgesundheit hinten anzustellen und unter Umgehung jeder Ordnung an den bereits dicht bevölkerten Stellen, zum unbegrenzten „Hochhausbau". Wie alles, das wir „amerikanisch" nennen, vom „geschwollenen Dollar" abhängig ist, so konnte in Folgerung jeder, der davon am meisten hatte, am höchsten bauen. Hindernd wagte diesem zersetzenden Vorgang weder die Öffentlichkeit noch die jeweilige Verwaltung entgegenzutreten.
So entstand am Hudson die City der Wolkenkratzer, deren Möglichkeit von einigen technischen Zufälligkeiten begünstigt wurde. Ein Teil dieser Hochhäuser steht auf gewachsenem Felsen, und wo dieses nicht der Fall war, haben die Fundierungen Millionen Dollar verschlungen. Dieses war auch die hauptsächlichste Ursache, warum im Land wohl teilweise Turmbauten aufgeführt worden sind, jedoch nicht in dem Umfang, um dem Hudson Revier sein Gepräge zu nehmen. Am Woolworth-Building reichen die Fundamente rund 34 m in die Erde, 60 Betonpfeiler tragen einen Eisenrost, der 12 m unter Straßenoberkante liegt, je höher die Banweise, um so teurer der Bau. Später besorgte man sich, da man eS hatte, von europäischen Profanbauten das schmückende Beiwerk und blieb dabei sehr gern bei der Antike, Palladio oder dem gotischen Baugedanken hängen, dessen ausdringlichster Vertreter der genannte Woolworth-Building geblieben ist. Die protzende Reklame trat neben den bescheidenen Anfänger und erdrückte seine Umgebung. Der amerikanische Wolkenkratzer steht »ritten in der Straße, selten an einenl Platz, neben hoch und niedrig, an den verkehrsreichsten Punkten, immer da, wo er nicht hinpaßt und hingehört.
Eine auffallende Erscheinung unserer Zeit nach dem Krieg, die die Entwertung von früher künstlich hochgetriebenen Grund- und Bodenwerten brachte, ist das plötzliche Gehabe einer besonderen Gruppe von Spekulanten, die aller Welt weiß machen will, daß es bei uns in Deutschland ohne Wolkenkratzer nicht mehr geht. Sie haben vom „Tuten und Blasen" keinen Schimmer. Denn hier naht eine Gefahr der Volksverdichtung in unseren Städten, der gegenüber die Öffentlichkeit aufgeboten werden muß. Nicht allein, weil bei uns in Deutschland Turmhäuser gebaut werden sollen, sondern daß diese Bauten an Stellen aufgeführt werden, an denen das Interesse der Volksgesundheit im weitesten U-nfang gefährdet ist und die darum enteignet werden müssen — sollte nicht jede Stadt, jeder Besitzer einer Scholle bei uns demnächst das gleiche Recht, ein Turmhaus zu bauen, für sich in Anspruch nehmen.
In München besteht die Absicht, die Frauenkirche mit Turmbauten einzukasteln, weil der künftige Eindruck aus der Vogelschau weit mehr das Baudenkmal hervorheben soll. In Köln a. Rh. setzt man an den Neumarkt zwei steife Klötze und beteuert, daß diese Turmbauten zwischen Groß-St. Martin und Dom das Stadtbild am Rhein in keiner Weise beeinflussen. In Breslau preßt
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