H. L. Mencken, Baltimore
Das amerikanische (Lredo
Von l). L. Mencken, Baltimore (Fortsetzung aus Heft 7)
Auf diesem langen Umwege gelange ich nun zu meiner Wilson-Apologie. Wilson ist ein Mann, dessen politische, theologische, ethische und wissenschaftliche Richtung ich nicht teilen kann, dessen hohe Begabung, insbesondere auf dem Gebiete des sittlichen Strebens im großen Stil, jedoch meine aufrichtige Bewunderung erweckt. Sowohl seine Feinde, wie seine Freunde tun ihm, meines Erachtens, viel Unrecht. Erstere lassen sich von dem Gefühl der Ungleichartigkeit verleiten, das hinter den meisten Vorurteilen kritikloser Menschen steckt und rügen ihn ohne weiteres, weil er anders ist als sie selbst. Natürlich sind seine Feinde in der Mehrzahl selbst keine Ehrenmänner, manche gehören in der Tat einer Partei oder einer Institution an, wie z. B, dem intellektuellen Sozialismus oder dem Kongreß, wo ein beglaubigter Ehrenmann undenkbar eine Stätte finden kann. Aber nichtsdestoweniger kann man gerade von ihnen sagen, daß sie zwar vielleicht keine Ehre besitzen, aber doch so eine Art Ehrgefühl, daß sie auf die Ehre zusteuern, ohne sie schon erreicht zu haben. Wenige Menschen lassen sich mit absoluter und zmumstößlicher Treffsicherheit in eine der beiden Kategorien, in die Klasse der .Kavaliere oder Moralisten einreihen. Vielleicht gehört Dr. Wilson zu diesen Auserwählten. Er ist ebenso unverkennbar und ausschließlich ein Moralist, wie z. B. George Washington ein Ehrenmann. Für die eine Kategorie ist er eine große Leuchte, die ein fast allzu grelles Licht ausstrahlt, für die zweite ist er nur ein Talglicht, das mühselig tröpfelt. Aber die meisten Menschen wohnen in einer gewissen Zwielichtatmosphäre, und man muß schon zufrieden sein, wenn man von ihnen sagen kann, daß sie das Gesicht nach der einen oder der anderen Seite wenden. So steht es mit Dr. Wilsons Hauptwidersachern. Sie blicken unverwandt auf die Ehre, als wären sie durch einen neuen und über die Maßen holden Zauber berückt, und nach rechts gebannt, wenden sie dem Schauplatz zur Linken einen besonders wegwerfenden Blick zu.
Wenn sie z. B. die vielen, an Zahl vielleicht unübertrefflichen Wortbrüche Seiner Excellenz: das Versprechen, Amerika dem Kriege fern zu halten; die feierliche Zusage, die er China gab; die Verkündigung seiner Kriegsziele- und Zwecke; seine schwankende Haltung in der russischen Frage; seine Verleugnung der den Deutschen angebotenen Waffenstillstandsbedingungen; seine Lügen im Senats-
Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten und so fort aä inkinitum,--wenn sie
diese Kette von Ausflüchten, Zweideutigkeiten, Heucheleien, Achsclträgereien und unverblümten Unwahrheiten ins Auge fassen, dann können sie ihren Unwillen nicht unterdrücken, der noch etwas mehr als eine halbsittliche Entrüstung ist. Dann bezichtigen sie ihn in voller Bitterkeit, daß er heuchlerisch ist, wie Pecksniff, scheinheitig wie Tartüffe und in allen Farben schillert wie ein Pinto.
Ich werde nun den Nachweis erbringen, daß diese Beurteilung nichts anderes bedeutet, als einen blöden Mangel an Verständnis für anders geartete Menschen, mit einem Worte dieselbe Dummköpfigkeit, die den Deutschen veranlaßt, jeden Engländer für einen frömmelnden Feigling zu halten, der sich hinter seinen Kreaturen verschanzt, — dieselbe Beschränktheit, die jeden Engländer dazu treibt, den Deutschen wie einen Teufel zu behandeln, der bis zu den Hüften im Blute watet.
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