Der Klassen kam Pf in England seit dem Krieg
Der Alassenkampf in England seit dem Arieg
Von Dr. Alphons Nobel
^!uch England ist nicht ohne soziale Erschütterungen der schwersten Art auS dem Krieg bzw. aus dem Frieden hervorgegangen. Die Arbeiterklasse Großbritanniens war von jeher politisch die fortgeschrittenste, die Zeit der Arbeiterputsche liegt im Anfang des vorigen Jahrhunderts; und in einem Jahrzehnt, als es in den anveren Ländern kaum Arbeiterbewegungen gab, oder diese sich im rein oppositionellen, „revolutionären" Fahrwasser bewegten, begannen die englischen Arbeiter sich schon realpolitisch umzustellen, d. h. sie bildeten statt politischer Parteien Gewerkschaften und Genossenschaften. Auch jetzt beginnt sich in England auf der Seite der Arbeiter etwas neues vorzubereiten, das recht fortschrittlich anmutet, und zum mindesten in seinem Programm allen übrigen sozialistischen Utopien durch seine viel realere Einstellung überlegen ist. Ich denke an den Gildensozialismus, der berufen scheint, den Marxismus als leitende Idee der Arbeiterbewegung abzulösen. Dies gilt allerdings doch nur für die theoretische Seite der englischen Arbeiterbewegung. "In der Praxis wurde England ebenso wie alle anderen europäischen Länder von den heftigsten Arbeitskämpfen durchtobt. Diese seien im folgenden geschildert, vielleicht daß sich gewisse Lehren (die der Leser leicht selbst ziehen kann) auch für unsere Sozialkämpfe ablesen lassen.
Mannigfache Momente, deren wichtigster die Notlage der Kriegsindustrien war, stärkten während der Kriegsjahrs die Stellung der Arbeiter. Die Umstellung auf die Kriegswirtschaft zwang Regierung und Arbeitgeber zu Zugeständnissen. Die Abneigung der Gewerkschaftler in Betrieben mit Nichtorganisierten (den so- genannten vpen-sliops) zusammen zu arbeiten, brachte bereits 1914 gewisse Schwierigkeiten, die erst Lloyd George überwinden konnte. Zugleich gewannen die Vertrauensleute der Gewerkschaften in den Betrieben (skvp 8te^varäs) mehr und mehr Einfluß, sie vereinigten sich nicht nur innerhalb des Betriebes zu Betriebsräten, sondern auch innerhalb ganzer Bezirke zu vorks oomittees. Die Tendenz der slivri 8te>varäs, die offiziellen Gewerkschaftsinstanzen auszuschalten, z. B. eigenmächtig Lohnvereinbarungen abzuschließen, setzte sie von Anfang an in einen gewissen Gegensatz zur Gewerkschaftsleitung. Wie in andern Ländern, so griffen auch in England von hier aus kommunistische und überhaupt radikale Strömungen um sich.
Die Kriegskonjunktur der englischen Industrie gab auch den Arbeiterkreisen Teilnahme an ihren Früchten. Nicht nur, daß die Löhne beträchtlich stiegen, es gelang auch Arbeitsgemeinschaften der Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu bilden. Die Pläne dazu wurden 1917 von Whitley entwickelt und die neuen Gebilde nach ihm WKitle^ Louncils benannt. Nach dem Kriege versuchte man diese zu einer Zentralarveitsgemeinschaft auszubauen, dem „provisional jvint Lomittes oi tde inäustrial eouncil". Die von ihm ausgearbeiteten Sozialpläne stießen aber auf keinerlei Unterstützung und infolge dieser Indifferenz bei Regierung und Öffentlichkeit löste sich die Organisation Ende Juni 1920 auf.
Als die Umstellung auf den Friedensbetrieb, und noch mehr, die auch über England hereinbrechende Weltwirtschaftskrise der Kriegskonjunktur ein schnelles Ende bereitete, wurden die Arbeitnehmer von der bis dahin erfolgreich geführten Offensive in die Defensive zurückgedrängt. Als die ersten Arbeitskämpfe drohten, machte die Negierung noch einige Anstrengungen, den Arbeitern entgegenzukommen. Sie setzte für den Bergbau die 3 anKe )l oom Mission ein und ließ von ihr Vorschläge ausarbeiten, die aus eine Umgestaltung der Eigentumsverhältnisse der .Kohlengruben hinzielten. Als der Bericht erschien, war die Lage aber nicht mehr so gefährlich für die Regierung und Lloyd George konnte es sich leisten, die Beschlüsse einfach zu ignorieren, was ihm von feiten der Arbeiterschaft und auch der bürgerlichen Opposition als glatter Wortbruch gebucht wurde. Ein anderes
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