Heft 
81 (1922) 81. Jahrgang.
Seite
249
Einzelbild herunterladen
 

Die Grenzboten

Politik, Literatur und Uunst

85. Jahrg., 25. Februar 1^922 Nummer 8

Die Ausbreitung des deutschen Volkes

von Fritz Rern")

Auf dem Boden des heutigen Ostelbiens hat die Macht des Kaisers Lothar von Supplinburg und seiner Diadochen, der Schauenburger, Askanier, Wettiner und Weifen genügt, um die Inbesitznahme des Landes durch Pflug und Markt Zu schützen und zu fördern. Vom Aufkommen der Stauser an hat die Reichs- gewalt für die Eindeutschung des Ostens nahezu nichts mehr tun können; aber die landesherrlichen Gewalten nahmen sich der Aufgabe um so kräftiger an. wobei freilich jene Unregelmäßigkeiten der Besiedelung eintraten, die unserer Ost­mark dauernd die territoriale Geschlossenheit raubten. Aber solange Altdeutschland immer neue Siedlerscharen abgeben konnte, schritt das Werk voran. In der Mark Brandenburg erlosch die wendische Sprache schon im 13. und 14. Jahr­hundert, im stark gemischten Obersachsen, selbst in den Städten, erst später, in Leipzig 1327, in Meißen 1424, in Mecklenburg im 16. Jahrhundert; in Ost- Preußen erlosch das Preußische im 17. Jahrhundert, das Polabische links der Elbe östlich der Lüneburger Heide sogar erst im 18. Jahrhundert, und in der wendischen Sprachinsel bei Bautzen droht heute noch eine nationalistische Bewegung mit An­schluß an die Tschechen. Solch bunte Mischung, wie sie national bis in unsere Tags in Westpreußen oder Posen herrschte, ging überall jahrhundertelang der schließlichen Eindeutschung voran. Aber um 13S0 erlahmt die deutsche Aus­breitungskraft und das Slawentum holt zu Gegenstößen aus. Der Grund ist, daß nun das Zerbrechen des deutschen Staates sich auch in wirtschaftlicher Ein­engung, in zerrüttender Anarchie daheim geltend machte, während anderseits die slawischen Staaten, der unkultivierten Trägheit ihrer Bewohner gerade auch durch deutsches Siedler- und StädLetum etwas entwachsend und dem Einfluß der deutschen Kirchen und Klöster einen nationalistischen polnischen oder tschechischen Klerus entgegenstellend, von der Schwäche Deutschlands Nutzen zogen. Daß es uns nicht gelang, was im 13. Jahrhuudert auf dem Weg der Verwirklichung schien, die Böhmen einzudeutschen, das hinterließ den ärgsten Pfahl im Körper des Deutschtums, wie ein Blick aus die Sprachenkarte lehrt.

«) Fortsetzung aus Heft 7.

Grenzboten I 1922