Beitrag 
Das Drama und die Zeit
Seite
241
Einzelbild herunterladen
 

Das Drama und die Zeit

Das Drama und die Zeit

Von Hans Franck

ü)er die dramatischen Erscheinungen der letzten Jahre aufmerksam beobachtet, dem muß es auffallen, mit welch leidenschaftlichem Eifer sich die Dichter um die Gestaltung des allergegenwärtigsten Lebens mühen. Was dabei erstrebt wird, ist

— dank den Einwirkungen des Expressionismus — nicht ein Abbild der Zeit, sondern die Aufdeckung ihres innersten Sinnes. Nicht um die Erscheinungsform der Zeit geht es, sondern um das, was sie im Innersten zusammenhält. Also nicht mehr oder minder realistische oder gar naturalistische Abbilder der Gegen­wart zu schreiben ist der Ehrgeiz unserer jungen Dramatiker. Jeder sucht viel- mehr, nach Maßgabe seiner Kräfte, das Ideendrama unserer Zeit zu geben. Der höchste Ehrgeiz einer ganzen Generation von Dramatikern richtet sich, um es mit einem Wort zu sagen, darauf: das Zeitmysterium zu schaffen.

Zeitmystsrium — ist es nicht eine contracliLtio in acheeto, ein unauflös­licher Widerspruch in sich selbst? Auf den ersten Blick — ja! Denn es ist das Wesen des Mysteriums, unzeitlich oder — wenn man lieber will — überzeitlich zu sein. Aber bei genauerer Betrachtung liegt die Sache doch etwas anders. Gewiß: Zeit und Mysterium sind Gegensätze. Das soll und darf nicht geleugnet werden. Aber es sind nicht Gegensätze kontradiktorischer Art. Sind nicht Gegensätze, die miteinander nichts zu schaffen haben. Sondern vielmehr: Gegen­sätze, die geradezu aufeinander angewiesen sind. Die sich — zum Zweck des inneren Ausgleichs — immerfort anziehen müssen und anziehen werden. So ist denn auch tatsächlich durch die Kunst, die irgendwie immer eine Unfaßbarkeit, ja

— scheuen wir das Wort nicht — ein Wunder ist, der Gegensatz zwischen dem sichtbaren zeitlichen Geschehen und dem unsichtbaren mysteriösen Sinn einer Zeit vielfach überwunden werden. Und wenn die Kunst unserer Tage nicht zu inhalt­loser Spieleret herabsinken will, muß immer aufs neue versucht werden, diesen Urgegensatz zu überwinden.

Zeit — Mysterium: unüberwindliche Gegensätze sind es nur für den, der nicht begreift, daß auch die realsten Dinge irgendwo an daS Mysterium rühren. Daß beispielsweise ein Baum zugleich wirklichste Wirklichkeit und — in seiner unsterblichen, formwirkenden Lebenskraft — ein unwirkliches Wunder ist. So wie der Baum wird auch jedes Drama, das Anspruch darauf erhebt, aus einer Angelegenheit ästhetischen Genusses zu einer sittliche Entscheidung erzwingenden Angelegenheit vollmenschlichen Erlebnisses zu werden, Wirklichkeit und Unwirklich- keit gleichzeitig umspannen müssen. Es wird seine Wurzeln — ob es das will oder nicht, bleibt sich völlig gleichgültig — in die gegenwärtigste Gegenwart senken und sich daraus so viel Kraft zur Höhe saugen, daß es seine Krone mög­lichst hoch in den Himmel der Unzeitlichkeit, also ins Mysterium, hinauftreibt. Wie Lrchwig Meidner es in seinem Buch Septemberschrei, mit dem er den ent­scheidenden Schritt vom nichts-als-geistigen Expressionismus zum Synthe- rismus tut, bildkräftig ausdrückt: „Seht die Bäumel die sind weise. Sie halten sich am Erdreich fest, sonst würden sie ihre Flügel erheben nnd lieber in den Himmel fliegen. Denn sie sind so gottselig zügellos. Aber sie sollten uns ja mit ihrer Schönheit gut und gläubig machen. Darum bohren sie ihre Wurzeln tief in den Lehm und bleiben verzückt auf ihrer Stelle im Wind. — Also halten wir uns an der Erde fest, sonst geraten wir ins Uferlose, Blaue. Kehren wir zu einem leidenschaftlichen Naturalismus zurück, zu einer tiefen, liebenden Treue gegen die äußere Wirklichkeit der Welt. Weil wir das Überirdische erflehen, müssen wir das Irdische beherrschen. Weil wir so gottessehnsüchtig brennen, müssen wir die Erde erst in uns verdauen und verstehen. Und begreifet, daß