Max Kirsch
Werber für die Fremdenlegion
von Max Airsch
(Schluß ans Heft 6)
Ü^er Abenteuer erleben will, der gehe nicht in die Fremdenlegion. Die Gelegenheit dazu ist dort entgegen allen fabelhaften Berichten recht kümmerlich gesät. Jeder Eintritt in diese 'Truppe bedeutet eine bittere Enttäuschung, nicht durch Verhältnisse, wie sie eine billige Literatur zur „Abwehr"'» derselben iv grausig und blutrünstig zu schildern weiß alle diese Geschichten sind unwahr oder stark übertrieben — sondern durch den ödesten Militärdienst, den man sich vorstellen kaun, durch eine geisttötende Unfreiheit, ohne alle jene Möglichkeiten, die sonst das Soldatenleben angenehmer machen können. Frankreich hat keinen Grund und ist vor allen Dingen nicht so unerfahren, seine Legionäre schlecht zu behandelu. Es erleichtert ihnen das rein körperliche Leben so gut es geht. Zaubere Kasernen, gute Kleidung, ausgezeichnetes Essen, keine übertriebenen Anforderungen erhalten sie stets leistungsfähig. Auch kommen die in Deutschland beinahe sprichwörtlich gewordenen Mißhandlungen nicht häufiger vor als im deutschen Militärdienst. Es würde mir nicht schwer fallen, aus deutscheu Zeitungsberichte» über preußische Militärexzesse, Nekrutenselbstmorde, Neichs- tagsinterpellationen und Kriegsgerichtsprozessen ein Greuelbuch über den deutschen Militarismus zu schreiben. Ich brauche nur auf den Fall Hiller-Helm- hake und die während des Krieges im kältesten Winter und der heißesten Sonne praktizierte Strafe des Anbindens an einen Baumstamm oder Wagenrad hinzuweisen, die uuter den gleichen Verhältnissen angewandt, nicht menschlicher war, als die berüchtigte Lrapocline uud die Silos der Legion. Die Schilderung solcher Einzelfälle kann aus oben genannten Gründen nicht abschreckend wirken. Wohl aber das Belvußtmachen des streng geregelten, höchst beschränkten Lebens, das einen jeden in der afrikanischen Fremdenlegion erwartet.
Man stelle sich die Garnisonen derselben in dem sehr eintönigen und reizlosen Algerien vor. Schon der Zivilaufenthalt in Sidi-bel-Abes und Saida mit allen Genüssen und Vorteilen eines freien Menschen ist zum Sterben langweilig. Der Legionär aber, der in die Maschine seines Dienstreglements eingespannt ist. der keinen eigenen Willen mehr hat, der außer seinen Kameraden und Leidens- geführten mit niemandem Verkehren kann, der sowohl von der weißen Bevölkerung, wie von den schmutzigsten Eingeborenen auf das Tiefste verachtet wird, dessen kurzer, außerdienstlicher Zeitvertreib nur darin bestehen kann, seinen lächerlichen Tageslohn von einem sou 4 Pfennige in einer Kneipe dritter Güte bei einem schlechten Getränk zu versitzen, und dem es an jeglicher geistiger Anregung fehlt, dieser Mensch muß seelisch verkommen.
Solange nicht den Lauf der Welt Philosophie zusammenhält, Erhält sich das Getriebe Durch Hunger und durch Liebe
sagte Schiller in dichterischer Erkenntnis. Viel zu unfrei und allzu festgefahren kann der Legionär kein Philosoph sein. Dazu ist er auch meistens zu jung. Aber sein Hunger, der in so vielen Fällen der Anlaß zu seinem Fehltritt war, ist immer reichlich gestillt. Umso kräftiger macht sich infolgedessen der Eros bemerkbar. Dieser im menschlichen Leben wichtigste Punkt wird bei ihm zur offenen Wunde. Ein Soldatenleben ohne normale Liebe, ohne jegliche Einstellung zu
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