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Die Zerstörung der Persönlichkeit. I.
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Maxim Gorki

verschlingen wollte, für die Wahrnehmung seiner persönlichen Interessen einsetzen, und verlor hintereinander das Band, das ihn mit der Bevölkerung, dem Staat, der Gesellschaft verknüpfte, und er ertrug sogar wie wir es in den heutigen Tagen sehen er ertrug sogar kaum die Zucht seiner Partei, sogar die Familie belastet ihn zu schwer.

Jeder kennt die Rolle, die das Privateigentum in der Zerkrümelung der Gemeinschaft und in der Bildung desIch", das sich selbst genügen könnte, spielte, aber in diesem Verlaus müssen wir noch außer der körperlichen und geistigen Verknechtung des Volkes die Zerstörung der Willenskraft der Volksmassen sehen, die allmähliche Abschaffung der genialen Geistesart, dieser dichterischen und natür­lichen Schöpferin der Gemeinschaft, welche die Welt mit den höchsten Bildern der künstlerischen Schöpfung begabt hatte.

Es ist gesagt worden, daß dieSklaven keine Geschichte haben", und obwohl das von Herren gesagt wurde, ist dennoch darin ein Stück Wahrheit. Das Volt, bei dem so Kirche wie Staat mit dem gleichen Eifer die Seelen ertöteten, während sie versuchten, es in eine ihrem Willen gelehrige körperliche Kraft umzubilden, das Volk war beraubt des Rechtes und der Möglichkeit, seine Vermutungen über den Sinn des Lebens zu schaffen, in den Bildern und Legenden seine Ahnungen, seine Gedanken und seine Hoffnungen spiegeln oder zurückglänzen zu lassen.

Aber obwohl es moralisch gefesselt unfähig war, sich bis zu den ursprünglichen Höhen seiner dichterischen Schöpfung zu erheben, fuhr es nichts­destoweniger fort, sein tiefes und innerliches Leben zu leben; es schuf und schafft Tausende von Märchen, von Gesängen, von Sprichworten, die sich mitunter sogar bis zu Bildern wie dem von Faust usw. erheben. Als das Volk diese Legende schuf, schien es die geistige Ohnmacht der Persönlichkeit, die ihm offen schon seit langem feindselig ist, bezeichnen, ihren Vergnügungsdurst und ihre Ver­suche zu lernen (oder zu erkennen), was für sie unverkennbar ist, verspotten zu mollen. Die besten Werke der großen Dichter aller Länder sind aus dem Schatz der gemeinschaftlichen Schöpfung des Volkes geschöpft, in dem schon in ganz vsr- wichenen Zeiten alle dichterischen Verallgemeinerungen, alle Bilder und ruhm­reichen Urbilder gegeben waren.

Der eifersüchtige Othello, der des Willens beraubte Hamlet und der aus­schweifende Don Juan alle diese urbildhaften Personen sind vom Volke vor Shakespeare und Byron geschaffen worden, die Spanier sangen in ihren Gesängen das Leben ein Traum" vor Calderon, während die muselmanischen Mcmrim es vor den Spaniern sagten, die Ritterschaft wurde in den volkstümlichen vor Cervantes ebenso boshaft und ebenso traurig wie bei ihm verspottet.

Milton und Dante. Miszkiewicz. Goethe und Schiller erhoben sich zum Höchsten nur in dem Augenblick, in dem die Schöpfung der Gemeinschaft sie unter ihre Flügel barg, wo sie ihre Eingebung aus der Quells der volkstümlichen Dichtung, der unmeßbar tiefen, unendlich verschiedenen, mächtigen und weisen, schöpften.

Ich vermindere dadurch nicht im geringsten das Recht der vom Weltruhin am höchsten gepriesenen Dichter und will es nicht vermindern! ich bestätige, daß die besten Bilder der einzelnen Schöpferkraft uns wundervoll ausgearbeitete Schatze geben, aber diese Schätze wurden erschaffen durch die gemeinschaftliche Kraft der Volksmasse. Die Kunst liegt in der Macht des einzelnen! der Schöpfung ist m,lr die Gemeinschaft fähig. Erschaffen war Zeus vom Volk worden, PhidiaZ hat ihn in den Marmor gemeißelt.

Die Individualität selbst, außerhalb jedes Bandes mit der Gemeinschaft, außer­halb des Kreises auch uur irgend einer reichen, die Menschen vereinigenden Idee, die Individualität ist träge, beharrend und feindlich der Entwicklung des Lebens.

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