Zur Erinnerung an den 80. Geburtstag Eduard v. Hartmanns
der den Philosophen des Unbewußten in Parallele stellt zu Bismarck, hatte das erkannt, und die evangelische Kirchenzeitung, die den frommen Wunsch ausspricht, daß der Verfasser der „Philosophie der Unvernunft" sich am Tage des Gerichts unter den Bekehrten befinden möge, rühmt doch Hartmanns „Aufrichtigkeit und Furchtlosigkeit". Auch die katholischen Theologen konnten bei aller Opposition gegen die Grundgedanken des Gegners doch nicht umhin, eine stark religiös zu nennende Triebfeder hinter seinem Lebenswerk zu sehen, weshalb ein katholischer Geistlicher nach Erscheinen des „Sittlichen Bewußtseins", Anfang der 80er Jahre, den Versuch machte, Hartmann zum Übertritt zu bewegen.
Ob der Philosoph sich über logische Begriffsbestimmungen verbreitet oder den Anteil der Arbeit am Arbeitsertrage darstellt, ob er die letzten Prinzipien des Seins uns näher zu bringen sucht oder die Bevölkerungsfrage behandelt: immer schimmert dem feinen Beobachter die Beziehung auf das Übersinnliche durch und läßt erkennen, daß Denken und Sein auch im Hinblick auf die metaphysische Sphäre ihm identisch sind, wenn auch das Dasein nur eine phänomenale Bedeutung beanspruchen kann. Alles Geschehen verläuft der logischen Idee gemäß, so hüllt sich dem Denker jedes Tun, auch das kleinste nnd scheinbar geringfügigste in das Gewand seiner übersinnlichen Herkunft, und nichts ist mehr groß, nichts mehr klein nach den eitlen Matzstäben menschlicher Besserwisserei. Die schillernde Mannigfaltigkeit zur Einheit zusammenzufassen, aber über der Einheit die Jndi- viduation nicht zu vergessen, diese ganz spezifisch philosophische Aufgabe war von Hartmann in ihrer vollen Bedeutung erfaßt worden und begründete seinen konkreten Monismus. Mit kühnem und ernstem Entschluß wagte er den Versuch, das Ewige nicht bloß als das wirkliche Ziel aller Erkenntnis, sondern auch der religiösen (oder metaphysischen) Sehnsucht des Menschengeschlechts neu zu gestalten.
In der ihm eigenen Gesinnung hat Hartmann den Einfluß Schopenhauers, Schellings und Hegels auf seine Entwicklung offen bekannt, woraus seine Gegner ihn: einen Strick drehten, um ihn als „Eklektiker" abzuwürgen: aber später fühlte er immer stärker, daß die von ihm behandelten Probleme einen so weiten Kreis umschlossen, daß sie nicht mehr in den engen Nahmen einer der vorhandenen Richtungen einzupressen waren. Er rechnete sich nicht zu den Epigonen. Aber es drängte ihn auch nicht, Proselyten zu machen, ein Grund mehr, die an ihn ' en Berufungen nach Leipzig, wo man den Lehrstuhl zwei Jahre offen hielt, ehe man ihm Wundt anbot, nach Kiel und Göttingen abzulehnen. Er selbst sagt darüber in den „Philosophischen Fragen" Seite 22: „Ich fasse die Aufgabe eines philosophischen Systems ganz anders auf; ich sehe sie nicht darin, gläubige Jünger zu werben, sondern möglichst viele Geister von Vorurteilen zu befreien, zu selbständigem Denken anzuregen, ihnen neue Perspektiven zu eröffnen, den Gesichtskreis ihrer Weltanschauung zu erweitern, endlich aber ... den Samen zu streuen, aus welchem, wenn er auf fruchtbares Erdreich fällt, neue und höhere Formen des philosophischen Gedankens sich entwickeln können."
Wenn ich einmal die Ziele, denen Hartmann im einzelnen nachstrebte, polemisch oder negativ umreißen soll, so nenne ich: Kampf gegen die mechanistische Weltanschauung, gegen den auf Kant zurückgehenden subjektiven oder transzendentalen Idealismus, gegen die Überschätzung des Begriffs des menschlichen Bewußtseins und der Persönlichkeit, die doch nur ein Glied, wenn auch ein wertvolles im großen Reich der objektiven Zwecke ist, gegen den Schopenhciuerschen Pessi" mismus, den er in der Weiterentwicklung zur Basis seiner EMk erhob, indem er
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