Rudolf Eucken
Zur Erinnerung an den 80. Geburtstag Eduard von Hartmanns
(geb. 23. Februar ^,2) von Rudolf Gucken
ülit einigen Worten möchten wir an jenem Tage des Lebenswerkes Eduard von Hartmanns in Ehren gedenken. Er hat in einer philosophisch am Boden klebenden Zeit tapfer und kräftig daS gute Recht der Metaphysik verfochten, er hat weite geistige Ausblicke entworfen, ausgeprägte Gedankenwelten in fruchtbare Beziehung gesetzt und dadurch das gemeinsame Leben gefördert. Mit scharf- sinnigster Forschungsarbeit hat er alle Hauptgebiete der Wissenschaft beherrscht und ihnen wertvolle Anregungen zugeführt; im besonderen hat er unermüdlich den Kampf gegen den seelenlosen Mechanismus wie in der Philosophie, so auch in der Naturwissenschaft geführt; wenn jetzt der Vitalismus zusehends an Boden gewinnt, so hatte Hartmanns eindringende Kritik einen nicht geringen Anteil daran. Auch daß er die politische und soziale Lage der Gegenwart klaren Auges durchschaute und nicht selten seine warnende Stimme erhoben hat, das darf nicht vergessen werden. Es gehört zu den deutschen Schwächen, bei einem bedeutenden und selbständigen Denken an erster Stelle zu fragen, wie weit der Fragende selbst mit dessen Gedankenwelt übereinstimmt, statt jene Welt unbefangen auf sich wirken zu lassen; so hat auch Hartmann oft nicht die verdiente Anerkennung gefunden. Aber alle Kritik trifft nicht eine den höchsten Zielen der Wahrheitsforschung geweihte, die ganze Seele erfüllende, mutig der Zeit vorangehende Lebensarbeit; sie muß auch den kommenden Geschlechtern ein Gegenstand aufrichtiger Hochschätzung sein.
Eduard von Hart mann Von seiner Witwe
Die einheitliche Bedeutung des Lebens und Wirkens zu finden, ist von je der Wunsch der großen Philosophen gewesen, denen es um das Warum des Daseins in Raum und Zeit zu tun war. Die Steigerung des Bewußtseinslebens bringt es mit sich, daß die Versuche zu einer Lösung des verwirrenden Welt- probleMs im Laufe der Jahrhunderte an Zahl und Tiefe zugenommen haben. Grenzenlos ist die Aufgabe der Philosophie, die ich als die höchste Erkenntnis ansprechen möchte, wenn sie Aufschluß sucht über die auf jeder Stufe des Wissens wiederkehrenden ethischen und religiösen Probleme, ja schon, wenn sie überhaupt die Möglichkeit einer Begründung menschlicher Willenshandlungen erschließen will, was ohne ein Hinübertreten auf den Boden metaphysischer Spekulation gar nicht möglich ist. Die durch die mechanistische Betrachtungsweise entgöttsrte Natur befriedigt auf die Dauer den fühlenden und tiefer denkenden Menschen nicht.
Das zwingende Element einer starken Persönlichkeit, die sich unbekümmert um Gunst oder Ungunst der öffentlichen Meinung durchzusetzen weiß, macht sich als innerster Kern der treibenden und nach Ausgestaltung drängenden Hartmcmn- schen Weltanschauung überall geltend. Schon der Österreicher Konstantin Frantz,
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