Die Grenzboten
Politik, Literatur und Aunst
85. Jahrg., ^8. Februar M2 Nummer 7
Die Ausbreitung des deutschen Volkes
Von Fritz Aern
II. Mittlere Zeit
^»ener gewaltigsten Ausbreitung der Weltgeschichte, die von den kleinen Stämmen der Angeln, Sachsen, Juten und Normannen ausging, hat das deutsche Mutterland außer einer langen Reihe verschwendeter Anläufe nur eine einzige gelungene große Gesamtleistung gegenüberzustellen: die Z u r ü ck g e w i n n u n g des deutschen Ostens.
Der einzige Landstrich, welcher in der ganzen geschichtlichen Zeit immer deutsch gewesen ist, liegt zwischen der Eider in Holstein, der Weser, der Elbe und Saale. Freilich finden wir in der Völkerwanderungszeit deutsche Stämme östlich, südlich und westlich dieser schmalen, winzigen Landzunge lagern bis nach Spanien und Nordafrika, bis zur irischen See, bis nach Sizilien, Kleinasien, Pruth und Don. Aber von allen diesen Lagerplätzen und Siedlungen der Wanderzeit ist deutsches Volksland geblieben doch nur, was den noch unromanisierten Kelten zwischen Weser und Rhein, zwischen Elbe und Donau abgerungen wurde, sowie jener Zuwachs, der bei der Durchbrechung der römischen Militärgrenze links des Rheines und südlich der Donau den Franken, Schwaben-Alemannen und Bayern gelang. Seit weit über einem Jahrtausend ist unsere Sprachgrenze in West und Süd gegen das Romanentum nahezu unverändert geblieben, denn geschlossen besiedeltes Vauerngrenzland verändert seine Sprache nicht so leicht, wenn die Macht- und Kulturverhältnisse nicht allzu ungleich sind: Aber in der Volksart dieser westlichen und südlichen Striche ist die keltoromanische Beimischung als Einschlag noch wohl erkennbar. Jener Siedlungsgürtel des „reinen" Deutschtums, der sich von Schleswig-Holstein zwischen Elbe und Rhein zu den Alpen zieht, ist in der Tat die einzige Zone, in welcher zu historischen Zeiten stets Deutsche gewohnt haben. Was östlich davon liegt, verrät sich noch heute als Kolonialland.
Verlorengegangen war bei der glanzreichcn und tragischen Ausbreitung der Völkerwanderung das alte deutsche Voltslcmd an Oder, Weichsel und Haff. Slawen und Litauer waren geräuschlos den Deutschen nachgerückt, als diese sich im Suchen nach der Südsonne in ihr kostspieliges Ringen mit der alten Kulturwslt verstrickten. Als Karl der Große das kultivierte Abendland zu einem germanisch- Grenzbotsn I 1S22