Artur Michel
Berliner Vühne
von Artur Michel
Der Abstand, in dem diese Bericht erscheinen, erlaubt nicht ein Registrieren auch nur des größeren Teils der Berliner Bühnenleistungen. Nur Bemerkenswertestes läßt sich flüchlig umreißen. DaS muß auf die Dauer, da d.r Leser nur von den wertvolleren Aufführungen erfährt, von dem Gesamtbild ihm einen völlig falschen Eindruck geben.
,, Das Theater ist ein Spiegel der Zeit. Der alte Satz gilt fast mehr von dem, was das Theater ist,' als von dem, was es zeigt. Zuerst mit seinem Dasein, nicht mit Art und Gegenstand der Aufführung (die Ausdruck und Zeugnis dieses Daseins sind) nimmt das Theater an dem kulturellen Zustand der Zeit teil. J-de Zeit also hat das Theater, das sie verdient.
Erschreckend ist das Spiegelbild, das, so betrachtet, das Berliner Theater von heute seinem Publikum entgegenhält. Hier schreibt kein Pharisäer. Das Bedürfnis der Grosz- stadtbevölkernng, aller ihrer Schichten, nach Nnterhaliung, Belebung, Zerstreuung soll nicht gescholten werden. Die Augenweide, die die Varieiös, die flimmernde Pracht, die die Operettentheater bieten, gehört zur Großstadt, wie der Lärm der Straßen und das Grau der Häuserreihen. Aber der künstlerische und also menschliche Charakter noch dieserreinenVergnügungseinrichinngen bewegt sich aufwärts und abwärts in geheimnisvoller Übereinstimmung, nach der Art der kommunizierenden Röhren, mit dem Geist der Theater höheren Ranges.
Es ist nicht mein Amt, den Tiefstand der Berliner Operette zu schildern. Sie könnte nicht bestehen, wenn die übrigen Unter- haltungSbühnen edlere Ansprüche erfüllten. Schlimm ist im allgemeinen schon, was diese spielen; es hat in diesem Winter Abende gegeben, an denen in Berlin gleichzeitig mehr als ein halbes Dutzend Bühnen französische Lustspiele und Cchwänke fragwürdigster Art aufführten. Schlimmer ist! Wie sie spielen. Wenn man diese Frage auS- spricht, berührt man freilich den heikelsten Punkt der gegenwärtigen Berliner Theater- tunst. Man kann sich — um dies einmal schroff auszusprechen — kaum vorstellen, daß jemals das rein handwerkliche Können der Schauspieler, zumal des Nachwuchses, so tief gesunken war wie heute; daß jemals die
Handhabung der DarstellungSmitie! so völlig jeder Bindnng und Stützung durch eine künstlerische Tradition beraubt war, daß jemals das künstlerische Verbundonsein der Schauspieler untereinander so ganz aufgehört, halte, Tatsache und Bedürfnis zu sein, wie heute Es ist Brauch geworden, zu einer mit lärmender Reklame angekündigten Erstausführung eine Anzahl beliebter und berühmter Schauspieler zusammenzubringen, die teils gleich hinterher, teils nach etwas längerer Zeit ausscheiden, um anderswo in Erstausführungen mitzuwirken, während ihre Rollen Schauspielern zweiten, dritten, vierten Ranges übertragen werden.
Je größere Mühe auf die Vorbereitung durch die Reklame gelegt wird, um so geringer ist die Mühe der künstlerischen Vorbereitung geworden. Es ist niemals so wenig ans Berliner Bühnen geprobt worden, Wie heute, und dem Einüber ist von der zweiten Ausführung an seine Arbeit Hekuba. Während sie zar'LS., SO., 100. Wiederholung strebt, feiert er ein Paar Straße» Weiler, vielleicht auch in Wien, Darmstadi, Stockholm schon neue Triumph«. Dies ist vom Übel nicht bloß sür die Vorstellung, sondern sür die Schauspieler, besonders die jungen, die sich an mechanisches Herunterspielen ihrer Rollen gewöhnen und in trivialster Routine erstarren, statt unter den Augen eines wachsamen Spielleiters Abend für' Abend das Geleistete zu überprüfen.
Viele Theater sind, um Folgen voller Häuser sicherzustellen, zum primitivsten Mittel zurückgelehrt, zum Starsystem. Der Gegensatz zwischen der virtuosen Leistung des Slars und der schauspielerischen Minderwertigkeit seiner Umgebung ist schon bei der Aufführung schlechter Stücke oft genug grotesk. Aber man scheut sich nicht, ihm Dramen von dichterischen Qualitäten auszuliefern. Tilla Durieur. als Elga in Gerhart Hauptmanns dramatischer Ballade (Trianoii-Thenter) ist gewiß eine faszinierende Darstellerin der wilden Polin. Der zeichnerische Impressionismus ihrer geistreichen Körpersprache wie ihrer Pikanten Stimmführung bringt den dunklen Glanz und Farbenreichtum des Dramas oft genug zum Klingen. Aber sie steht in einer Aufführung, deren blutlose Pathetik den künst-
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