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Bildende Kunst
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Paul Fechter

Bildende Aunst

Von pcinl Fechter

Seit einem Jahr hat sich das Bild unseres Kuustbetriebes erheblich ge­ändert. Überall gibt es wieder Aus­stellungen, neue Salons sind ent­standen: aus den Trümmern der Luxus­steuer blüht neues Leben. Wenigstens auf den ersten Blick. Sieht man näher zu, so erkennt man, daß es mit den Aus­stellungen geht wie mit den Theatern. Die wissen alle nicht recht, was sie spielen ollen: zum wenigsten nichts Neues. Sie pielen Ibsen und den Naturalismus, Hanvtmaun und Hirschfeld, als lebten wir vor zwanzig Jahren: alles was damals aktuell war, sollen wir mit ergrauenden Haaren nochmals als aktuell auffassen

— um der neuen Zuschauer willen. Zu einer Zeit, da man schärfer als je auf das horcht, was die heraufkommende Ju­gend zu uuserer durcheinandergeschüttclten Welt zu sagen hat.

Mit den Ausstellungen istesebenso. Wir rekapitulieren den Impressionismus und was vor ihm lag, allenfalls auch noch die Anfänge und ersten Träger des Expressio­nismus — das Neue schweigt. Cassirer zeigt Cözanne, Justi kündet in der Nationalgalerie eine große Thomcr-Aus- stellnng an: Gurlitt bringt Corinths Lebenswerk von anno 1888 bis heute, die Sezession zeigt LesserUrh von 1880bis 1920

— die modernsten Ausstellungen, die wir bekommen, führen Max Pechstein, Franz Marc, Max Beckmann vor, lauter Maler, die auch schon alle die Vierzig hinter sich haben. Und derFeiningerscheKubismus bei Wallerstein ist auch uicht gerade Dokument dessen, was die Generation will, die den Expressionismus abzulösen hat.

Immerhin: man muß zugeben, daß diese Rekapitulation auf beiden Ge­bieten einen guten Sinn hat, auch für uns und für die, die heute an den An­fängen ihrer Arbeit sind. Nach dem Wirrwarr der Kriegsjahre und der ersten Zeit nach der Revolution ist diese Rück­schau über die Leistungen der letzten dreißig Jahre wie ein Besinnen, wie ein Abschütteln dessen, was von außen her in die Entwicklungen hineingekommen war. Kriege und Nevolntionen Pflegen zu geistigen Bewegungen, als welche wir mich unsere Kunst und unsere Literaten immerhin noch auffassen können, innerlich in sehr wenig Beziehungen zu stehen: so bekommt dieses Rückblicken jetzt seinen

Sinn von daher, daß wir die von auße« verzerrten Linien jetzt klar sehen und dann auf den neuen wesentlichen Voraus setzungen. die sich innerlich, nicht nur durch Krieg und Revolution ergeben haben, weiterbauen wollen.

Von hier aus haben die beiden Aus­stellungen bei Gurlitt und in der Sezession, die Überblicke über das Schaffen von Lesser Urh und Lovis Corinth geben, sehr woh! eine lebendige Bedeutung für die Gegen wart. Schade ist nur, daß die Freie Sezession ihr Haus nicht mehr hat, sonst müßte sie jetzt eine Gesamtausstellung Max Liebermanns veranstalten. Denn die gehört durchaus neben die beiden andern, gäbe mit ihnen vereint die Möglichkeit, nun einmal wirklich über die Anfänge des Berliner Impressionismus und über diesen selbst ein paar Feststellungen zu machen, die ,m Interesse der Klarheit über den eigent­lichen Sinn dieser Epoche der jüngsten Malerei endlich einmal gemacht werden müßten. So muß man sich begnügen, das Werk LiebermannZ nnr in Gedanke« daneben zu stellen — und es wäre viel besser, wenn man das in der Realität könnte.

Denn die Ausstellung der Sezessivü, die das Lebeuswerk Lesser Urys zeigt, ist im letzten Grunde eine Art von Protest ansstellung gegen die bisherige Wertung Max Liebermanns. Die Sezession hat sie sicher nicht so aufgefaßt, sondern hat ihrem jüngsten Ehrenmitglied nachträglich zum 60. Geburtstag eine Freude machen wollen. Ury selbst, und der .Kreis derer, die ihm nahe stehen, haben aber sicherlich zugleich an die Möglichkeit einer Revision des historischen Urteils in dem Sinne gedacht, daß man auf Grund dieser Aus­stellung Lesser Urh nun als den eigent­lichen Vater des Berliner Impressionis­mus auf den Schild erheben müßte. Was nur möglich wäre nnter gleichzeitiger Ab­setzung des Usurpators Liebermann -

Wer den Dingen näher steht, kennt die Feindschaft, die sich aus anfänglich freundschaftlichen Beziehungen zwischen Lesser Ury und M. L., wie er seinen einstigen Genossen nur noch nennt, er­geben hat. Durchwandert man diess Ausstellung und denkt sich daneben eine gleichzeitige von Werken Licbermanns.

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