Weltspiegel
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Unklarheit überall. Die Wilhelmstraße, die seit dem Rücktritt Dr. Rosens verwaist war und nebenamtlich vom Reichskanzler Dr. Wirth mitverwaltet wurde, hat in der Person Walter Nathenaus wieder einen eigenen Leiter bekommen. Das Fehlen eines besonderen Ministers an der Spitze des Auswärtigen AmtS war in dieser entscheidungsschweren Zeit ein unhaltbarer Zustand. Schon das Wiesbadener Abkommen brachte Rathenau mit dem Grundproblem der auswärtigen Politik, der Neparationsfrage, in Berührung. Rathenau hat seitdem in London wie in Paris und Cannes mit den führenden Staatsmännern der Entente die Besprechungen fortgesetzt, so dasz man sich, wenigstens ehe er als amtlicher deutscher Vertreter in Cannes auftrat, fragen mußte, wozu das auf Ersparnisse angewiesene Deutsche Reich kostspielige Botschafter in Paris und London unterhielt, die an den wahrhaft wichtigen Auseinandersetzungen doch nicht beteiligt waren. Für die laufenden Geschäfte würden Geschäftsträger ausreichen. Daß Rathenau selbst auch vor Parlament und Volk die Verantwortung für die Fortsetzung der Verhandlungen und die Vorbereitung der Konferenz von Genua übernimmt und den fremden Regierungen als ein im Auslande unstreitig Kredit genießender Minister des Auswärtigen gegenübertritt, ist daher eigentlich eine Selbstverständlichkeit.
Die deutschen Neparationsvorschläge, mit denen sich Rathenau in erster Linie abzugeben haben wird, liegen der Neparationskommission und dem Obersten Rate vor. Staatssekretär Bergmann, der in ruhiger Arbeit bisher Ausgezeichnetes geleistet hat, befindet sich in Paris. Daß die deutschen Anregungen nicht den ungeteilten Beifall der Franzosen finden würden, war vorauszusehen. Bei einem geschäftlichen Abschluß versucht die Gegenseite natürlich möglichst viel herauszuschlagen. So sprechen die Franzosen von 900 Millionen anstatt der 720, die in Cannes über die 500 Millionen des Lloyd Georges- Vriandschen Projektes siegten. In Frankreich fürchtet man, für das laufende Jahr mit Sachlieferungen überschüttet zu werden, und der französische Produzent, der schon gegen das wirklich bescheidene Wiesbadener Programm aufmuckte, wehrt sich dagegen mit aller Macht. Die Reparationsfrage wird aber überhaupt von einem unrichtigen Gesichtspunkte aus angefaßt. Alles dreht sich um die Lieferungen für das laufende Jahr. Damit, daß irgend eine Anzahl Barmillionen abgelassen wird und dem Reiche dafür Sachliefernngen abverlangt werden, für die es auch bezahlen muß, ist nichts gewonnen. Der „Temvs" hebt hervor, durch die ganze Behandlung der Angelegenheit werde ihr das Moment der Sicherheit genommen, wie sie das Diktat vom Mai 1921 bot. Dieses krankte an seiner Unerfüllbarkeit. Es war von deutscher Seite aus zweifellos richtig, den ehrlichen Versuch zu machen, den Bestimmungen des Ultimatums nachzukommen. Dr. Simons mußte sich von Lloyd George noch den Vorwurf der Unehrlichkeit gefallen lassen, obwohl er es ablehnte, Bedingungen zu unterschreiben, von deren Unausführbarkeit er überzeugt war. Nun hat die Welt gesehen, daß auf der Basis von London nichts zustande kommen kann; deshalb heißt es. den gesamten Reparationskomplex, grundsätzlich anders zu regeln, nicht aber durch eine nur auf das Jahr 1922 eingestellte Verschiebung innerhalb der Zahlungsmodaütäten die sehnsüchtig erwartete Lösung in der Schwebe zu lassen. Daß Deutschland weder auswärts noch im Jnlande Anleihen aufnehmen kann, ist für den nüchternen Beurteiler der sicherste Beweis für die Notwendigkeit einer durchgreifenden Neuordnung.
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