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Das amerikanische Credo : (Fortsetzung aus Heft 5). III.
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Das amerikanische Credo

Das amerikanische (Lredo

von H. L. Mencken, Baltimore (Fortsetzung aus Heft 6)

III.

^s scheint mir, daß die charakteristischen Wesenszüge des normalen Amerikaners. Äie Wesenszüge, die ihn am merklichsten von anderen Staatsbürgern unterscheiden, als Folgen dieser eben geschilderten ganzen Unsicherheit und Wandlungsfähigkeit m seiner Stellung und der damit verbundenen Befürchtungen und BedenMchkeiten zu betrachten sind.

Der Amerikaner zeichnet sich tatsächlich durch eine Denk- und Handlungs­weise aus, wie man sie von einem unersättlich ehrgeizigen und dennoch unver­besserlich furchtsamen Menschen erwarten würde, so z, B. auf der einen Seite das unsympathische Selbstbewußtsein, die ziemlich protzige Prahlerei, das unermüdliche Strebertum, und auf der anderen Seite die Fügsamkeit, die Vorsicht und Dienst- Beflissenheit. Der Amerikaner spricht andauernd von seinen Rechten, als wäre er in Bereitschaft, sie bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen, und gibt sie jedes­mal beim ersten Anlasz auf. Das dünkelhaste Wesen und die wahre Handlungs­weise stammen beide aus derselben Quelle, der Furcht, die ein bestimmender Faktor für jeden schwankenden und nicht gefestigten Menschen, für den Durch­schnittsmenschen zu allen Zeiten und in allen Ländern ist, insbesonders aber für den Durchschnittsmenschen, der unter einem so unausgeglichenen und wandelbaren gesellschaftlichen Regime lebt, wie das amerikanische.

Mehr als jedes andere Volk," sagte einst Wendel! Philipps, als er seinen melancholischen Tag hatte,mehr als jedes andere Volk fürchten wir Amerikaner uns gegenseitig." Das Wort klingt hart. Es widerlegt den nationalen Wahn von dem unerschütterlichen Mut und der unerbittlichen Grausamkeit. Es zieht gegen die nationale Eitelkeit zu Felde. Aber nichtsdestoweniger enthält es ein Körnchen Wahrheit. Bei uns wird die Stellung des Einzelnen, mehr als irgendwo auf Erden, durch die einmütige Zustimmung seiner gesainten Landsleute bestimmt; bei uns gibt es, wie bereits erwähnt, keine künstlichen Schranken, die ihn gegen ihre Mißbilligung oder gar gegen ihren Neid schützen. Bei uns wird die einmütige Zustimmung dieser Gesamtheit mehr als irgendwo durch die Anschauungen und Borurteile der geringwertigen Majorität beeinflußt, und wir nähern uns dem Ideal der echten Demokratie, dem unmittelbaren und getreuen Echo der Stimmung, die beim niederen Volke gärt.

Der Einzelne, der es mit dieser ungeheuer mächtigen, aber unvermeidlich unwissenden und unbarmherzigen öffentlichen Meinung aufzunehmen hat, muß schlechterdings Vorsicht anwenden und furchtsam werden. Die Wünsche seines Herzens mögen vermessen und aufrichtig sein, aber ihre Erfüllung heischt Besonnenheit, Vorsicht, eine weltkluge und gewinnende Art. Festungen lassen sich nicht im Sturme nehmen. Sie müssen allmählich, mit Geduld zu Fall gebracht werden, wie die Mauern von Jericho.

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