Herbert Eulenberg
Holland
Ans der Vogelschau von Herbert Eulenberg
De länger wir im Westen Deutschlands von diesem unserm nächsten Nachbar- ländchen abgeschlossen sind, desto märchenhafter wird es dank der verklärenden Macht unserer Erinnerung in unserer Vorstellung: Dies eigenartige Land mit seinen Glockenspielen und Windmühlen, seinen Kanälen und Zugbrücken und Gl achten, wie man die mit Bäumen bepflanzten Straßen neben diesen Kanälen nennt. Jahrelang trennte uns der Krieg mit seinem Reiseverbot und Paßzwang von diesem Land. Und nun tut es die Valuta, die uns einen Ausflug nach Holland fast unmöglich macht. Früher in seligen Friedenszeiten fuhr allnächtlich ein Dampfer, in frischstem Grün und Weiß gestrichen, von Köln nach Rotterdam. Manche schöne Sominermondnacht sind wir damals den Rhein heruntergetrieben, süß in den Schlummer geschaukelt von dem Wein und den sanften Wellen jenes Stromes, bis uns eine frische Morgenbrise, der erste Gruß von der See, in Zevenaar zum Genuß des holländischen Frühstücks aufweckte. Wie ließ man sich da, während die Zollbeamten unsere Handkoffer, ohne sie zu öffnen, schonend bekleideten, den ersten holländischen »Kop Kokkie", aus echten Javabohnen, schmecken! Und den Gouda- käse und die nach Wiesen duftende frische melk und die „xacnte eieren", wie man die weichgekochten Eier bestellte. Gegen 11 Uhr legte man dann in Nimwegen an, der alten niederrheinischen Siebenhügelstadt, in der einstmals der Friede von „Nimm wegl", wie ihn das deutsche Volk schimpfte, geschlossen ward, der für uns nicht viel vorteilhafter als der letzte Friede von Versailles aussah und den Großen Kurfürst das eben eroberte Pommern kostete. Dann betrachtete man sich mit holländischer Muße die Kirchen, die Stadtwage und Fleischhalle der Stadt, tafelte hernach und ging dann am Nachmittag über das köstliche Schlößchen Moilo.no. berühmt durch die erste Zusammenkunft Friedrichs des Großen mit Voltaire, nach Cteve, um von dieser anmutigen Stadt mit der Schwanenburg nachts mit dem Schnellzug nach Hause zu fahren.
Ach! Es war das schönste Wochenende, das man sich denken kann. Heute würde wohl ein solcher Ausflug, den wir damals üppig mit sechzig bis achtzig Mark bestritten, an die fünftausend Mark kommen. Und vielleicht würde man auch ohnedem nicht mehr ganz so gerne nach Holland reisen wie früher. Denn, um es grad herauszusagen, die Holländer haben unS allesamt während dieser letzten acht Jahre unsers Mißvergnügens etwas enttäuscht. Man kennt das bissige Urteil des soeben aufgerufenen Voltaires über das Land und seine Bewohner. Es ist mehr ein Wortwitz und kaum ins Deutsche zu übertragen. Er nennt Holland „le M)?s 6es CÄnaux. 6es csnots et <les caneilles", das Land der Kanäle, der Kanoes und der Kanaillen. Ganz so unhöflich wie die von Holland mit Vorliebe verhätschelten Franzosen wollen wir nicht gegen unsere stammverwandten Brüder sein. Aber wir dürfen doch feststellen, daß ihr Benehmen gegen uns während des ganzen Krieges möglichst vorsichtig und kühl gewesen ist. Von vorneherein sei zugegeben : Holland halte einen sehr schweren Stand zwischen den Parteien und durfte sich weder gegen England noch gegen uns bloßstellen. Infolgedessen benahm es sich „korrekt". Das heißt, es nahm entschlossen an dem Aushungerungsfeldzug Englands gegen Deutschland teil, indem es sobald es nötig war, die Ausfuhr von Lebensmitteln nach Deutschland sperrte. Es sei dies ohne weiteren Vorwurf festgenagelt. Denn Holland hätte mit jedem Entgegenkommen gegen Deutschland
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