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Die Besatzungsfrage
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Die B e s a tz u n g s s r a g e

Die Vesatzungsfrage

von Erich ASHrer

Die rheinische Frage ist in dem besetzten Gebiet längst dem Hader der Parteien entrückt. Unter dem Druck der Besetzung ist in entscheidenden Augenblicke» die Einheitsfront von den Deutschnationalen bis zu den Unabhängigen wiederholt entschieden in Er­scheinung getreten. Auch im Reich sollte man längst erkannt haben, daß es sich um deutsche, nicht um Partei Politische Probleme handelt. Wir lassen daher auch gern in dieser Krage an dieser Stelle eine» Rheinländer zu Worte kommen, der als entschiedener Pazifi st, Soziali st »»«Republikaner sonst gewiß in vielen Dingen andere Wege geht, als sie für die Gestaltung derGrenzboten" üblich sind.

seitdem vor ein paar Wochen die Entente die sogenanntenSanktionen" im besetzten Rheinland wenigstens in wirtschaftlicher Beziehung offiziell aufgehoben hat, fühlt man sich im Reich über das Schicksal und die Zustände der Rheinprovinz einigermaßen beruhigt. Weil die unerhörte Leistung des HeereS das deutsche Land fast ganz davor bewahrt hat, die Schrecken des Krieges aus eigenem Erleben kennen zu lernen, weil der größte Teil Deutschlands keinen Feind anders gesehen hat, wie als Gefangenen, darum ist man nicht imstande, sich recht vorzustellen, was nach der angeblichen Beseitigung der wirtschaftlichen Druckmittel die Besatzung, die ursprüngliche und die durch die militärischen Sanktionen vermehrte, eigentlich für das Rheinland und die Rheinländer bedeutet.

Und doch ist en ts ch eid en d für die Zukunft dieser blühenden Provinz und durch ihren Zusammenhang mit dem Reich mittelbar wie auch durch die pekuniäre Last unmittelbar für die des ganzen Deutschland gewiß die Frage der Besetzung. Selbst wenn wirklich die wirtschaftlichen Sanktionen aufgehoben wären (sie sind es nicht, die Behauptung ist eine große, leicht nach­zuweisende Lüge!), würde die Not der Rheinprovinz und ihre Wirkung auf die Gesamtheit nicht wesentlich verringert, bei weitem nicht erträglich gemacht sein, solange ihr die Faust der Besetzung würgend an der Gurgel sitzt. Ich habe in einer Broschüre ( Rh e in i s ch e W i r t s ch aft s n o t Deutsche Verlagsgesell­schaft für Politik und Geschichte, Berlin W. 8) vor einigen Wochen die Zusammen­hänge dieser Not mit der Besatzungslast eingehend dargelegt und bereits dort betont, daß diese ganze Not in der Besetzung des Landes wurzelt und nur auS diesem einzigen Punkte zu beseitigen ist.

Aus dem Gewirr von Meldungen über die Probleme, die die Konferenz von Cannes beschäftigen sollten, mußte darum besonders die Nachricht uns Deutschen nahegehen, daß England beabsichtige, die Aufhebung der Be­setzung des Rheinlandes vorzuschlagen und dafür Frankreich durch eine Neutralisierung der Provinz die so ängstlich geforderte Garantie für seine Sicherheit zu geben. Ehe der Vorschlag zur Erörterung gelangen konnte wenn er überhaupt wirklich geplant war! flog die Konferenz auf. Aber da er einmal aufgetaucht ist, liegt die Möglichkeit vor, daß man in Genua doch von ihm reden wird. Denn er entspringt ja nicht irgendwelchen Gefühlswallungen, sondern einfach der wirtschaftlichen und politischen Rechenkunst der Engländer.

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