Prof. Dr. Fritz Härtung
Politik die Parteien zusammenführt und die augenblicklichen Hindernisse (Mitte Januar) aus dem Wege räumt. Aber das allgemeine Problem, eine gemeinsame Grundlage für die Führung der politischen Geschäfte in Deutschland zu finden, bleibt dennoch bestehen, und solange dieses nicht gelöst sein wird, werden wir aus der offenen oder geheimen parlamentarischen Krisis nicht herauskommen.
Nun habe ich bereits in einem früheren Aufsatz (die Voraussetzungen einer nationalen Sammlungspolitik, Heft 42 des Jahrgangs 1921) hervorgehoben, daß sich unsere staatliche Tätigkeit angesichts der Zerrissenheit der Nation möglichst zu- rückhalten müsse. Deshalb beklage ich die Unfruchtbarkeit unserer Regierung auch nicht, solange sie sich auf Gebiete erstreckt, die wie das Schulwesen auch ohne neue Gesetze gedeihen können. Aber sobald es sich um die Lebensnotwendigkeiten des Staates handelt, dann wird aus der Krisis des Parlamentarismus eine Krisis des Staates. Man darf wohl ohne Übertreibung sagen, daß wir schon mitten in einer Krisis des Staates stehen. Nur mit äußerster Mühe vermögen unsere politischen Instanzen zur entscheidenden Willensbildung zu gelangen; wir haben das erlebt, als es sich im letzten Frühjahr um die Annahme des Ultimatums, im Herbst um die Unterwerfung unter die Teilung Oberschlesiens handelte; damals erzWangen die Großmächte den Beschluß. Und im Innern des Staates sind es die großen wirt- schaflich-sozialen Organisationen der Unternehmer auf der einen, der Angestellten und Arbeiter auf der andern Seite, die auf die politischen Entscheidungen Einfluß zu erlangen streben, die sich an die Stelle der Negierung zu setzen versuchen. Die Demokratische Publizistik betrachtet diese Entwicklung bereits mit Sorge (vgl. M. I. Bonn, die Auflösung des modernen Staats, Berlin 1921; A. Weber, Auflösung des Staatsgedankens? in der „Frankfurter Zeitung" vom 30. November 1921). Aber ich glaube, auch auf der rechten Seite sollte man über dem billigen Behagen, das man angesichts der Schwierigkeiten unserer jungen Demokratie, von der wir ja nie viel erwartet haben, empfinden mag, doch die großen Gefahren nicht übersehen, die aus der Schwächung des Staatsgedankens für unsere ganze Zukunft erwachsen. Denn der Staat ist und bleibt die notwendige äußere Form alles nationalen Gemeinschaftslebens. Und wenn wir auch bei der Brüchigkeit dieser Form uns heutzutage hüten müssen, zu viel Inhalt in sie hineinzupressen, so darf doch auch der Kampf gegen die jetzige Parteiherrschaft nicht bis zur Zerstörung des Nestes unserer Staatsgesinnung getrieben werden. Der Scherben haben wir in unserm staatlichen Leben wahrhaftig schon genug. Wer nicht bloß aus romantischer Anhänglichkeit an das alte Kaiserreich, sondern aus Glauben an die Möglichkeit einer besseren Zukunft das heutige System befehdet, darf wohl Scherben wegräumen, soll aber nicht Brauchbares, ja Unentbehrliches zerstören.
Des Reisenden Nachtlied
An allen Schaltern ist Ruh'-.
In allen Bahnsteigen
Siehest du
Kaum einen Rauch.
Die Züge schweigen im Eise.
Trauernd am Gleise
Schweigest du auch.
L.«,
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