Die Grenzboten
Politik, Literatur und Kunst
8^. Jahrg., zq. Februar 5922 Nummer 6
Die Ausbreitung des deutschen Volkes
Von Fritz Aern I. SU t e st e Z e i t
Dm Ausbreitungsstreben der Völker wirken Macht trieb. Bekehrn ngs drang und am ursprünglichsten, meist auch am stärksten das Begehren, denNahrungs - spielraum zu vergrößern. Die Mittel: „Krieg, Handel und Piraterie, dreieinig sind sie, nicht zu trennen." Von diesen Mitteln vermögen Handel und Piraterie (einschließlich der überseeischen Eroberuug) für sich allein keine dauernden Ergebnisse zu zeitigen; der Krieg dagegen, welcher ans Erweiterung und Sicherung von Landgrenzen zielt, kann zn unwiderruflichen Gewinnen führen, zumal wenn das vierte und wichtigste Mittel der Ausbreitung, die Siedelung, dem Krieg vorangeht oder folgt. Was aber jene Triebfedern der Ausdehnung betrifft, so wird das primitive Streben nach Besitzmehrung, einerlei, ob aus Not oder Übermut hervorgehend, zwar häufig die Wucht der Expansion, in den seltensten Fällen aber deren Dauer und Festigkeit bestimmen können, welch letztere vielmehr von der methodischen Machtpolik der Staaten und von dem Eifer nationaler oder kultureller Bekehrung abhängen.
Eine Verbindung von Krieg und Siedelung ist die bewaffnete Wanderung des jugendlich kräftigen Volksüberschusses. Sie erscheint nur in ihren Folgen bei den Germanen einzigartig! ihr Ursprung, die Landnot, ist die im Altertum, gewiß schon in der Urzeit der Menschen übliche Bewegerin der Welt- geschichte, solange die Völker weniger durch Staatsziele oder Ideen, als durch extensive Bodenwirtschaft, deshalb periodisch fühlbare Übervölkerung zu Veränderungen getrieben wurden. Land war der realste Wert. Man ging ihm nach auf der Linie des geringsten Widerstandes, und diese lag damals noch nicht im Übergang zu intensiveren Wirtschaftsformen, sondern im Überwältigen schwächerer Völker. Primitive, lockere staatliche Gliederungen, vegetatives Volkstum ohne eigentliche nationale Bewußtheit, verhältnismäßig geringfügige Kulturgegensätze ermöglichten im Zeitalter der gewaltsamen Landnahme aus Landnot ein extensives, expansives Fluten der Völkerschaften, das kaum schwerer genommen wurde, als etwa in unserer Zeit die Abwandernng vom Land in die Großstadt. Grenzboten I 1922