H. L. Mencken, Baltimore
Das amerikanische (Lredo
Von ^. L. Mencken, Baltimore
(Fortsetzung aus Heft 4)
-)n Wahrheit gibt es auf der ganzen Welt kaum ein Land, in dein das Geld an sich weniger geschätzt wird, als in den Vereinigten Staaten. In noch höherem Maße als der russische Bolschewist betrachtet der amerikanische Demokrat Geld und Gut mit argwöhnischem Auge und eine allzu gierige Anhäufung mit mißfälligen Blicken. Nur hier, westlich der Dwina, sind reiche Leute an und für sich Lumpen und „teras naturse", sie haben keine Rechte, die irgend ein Verleumder zu achten verpflichtet wäre. Nur hier muß sich der Mensch, der ein Vermögen besitzt, automatisch zur Wehr setzen, nur hier steht er unter außer, gewöhnlich scharfen Jnquisitionsgesetzen und hat die besondere Feindseligkeit von feiten der Nichter, der Anwälte und der Geschworenen zu gewärtigem Für einen Engländer, der 100000000 Dollar im Vermögen hat, wäre es buchstäblich unmöglich, ein öffentliches Amt auSzuschlagen oder auf die ihm angetragenen Ehrenstellen zu verzichten. Für einen Amerikaner, der 100000000 Dollar im Vermögen hat, wäre es ebenso unmöglich, das eine oder das andere zu erreichen. Es ist nur allzu wahr, daß der Wohlstand der Amerikaner durchschnittlich größer ist, als in anderen Ländern. Der Grund und Boden erfordert weniger Arbeit und wirft mehr ab; die Industrie bringt mehr Geld ein; und der Amerikaner hat mehr Kleingeld in der Tasche als andere Staatsbürger. Aber es ist ein arger Irrtum, diesen größeren Reichtum für einen Beweis von Geldgier zu halten, denn die Amerikaner haben in der Tat eine offene Hand, geben viel mehr aus und berücksichtigen den Wert des Geldes sehr viel weniger als irgend ein anderes Volk.
Es wird häufig behauptet, daß eine normale französische Familie sehr gut eine ganze Woche von dem leben kann, was eine normale amerikanische Familie in derselben Zeit für Kinkerlitzchen ausgibt. Der Amerikaner hat keine Ahnung von jener, in Frankreich allgemein üblichen Sitte, jeden Franken auf die hohe Kante zu legen, die Kosten jeder Extraausgabe mit einer fünfteiligen Zahl zu veranschlagen, jedes Restchen zu verwerten und mit dem Bankkontobuch unter dem Kopfkissen zu schlafen. Der Amerikaner gibt für alles, was in die Augen sticht, seine Dollars aus, gleichviel ob er den betreffenden Gegenstand braucht oder nicht, ja ohne Rücksicht darauf, ob er sich diese Ausgabe leisten kann oder nicht. Er wirft sozusagen sein Geld zum Fenster heraus; seine Augen sind stets auf der Suche nach einer passenden Gelegenheit, seine Münze an den Mann zu bringen.
Man bedenke zum Beispiel, wie überaus leicht man in Amerika auf den blödesten Reklameschwindel hereinfällt. Wenn der amerikanische Fabrikant einen Posten unverkäuflicher Waren hat, oder wenn es sich sonst zufällig trifft, daß der Bedarf weniger groß ist, als die von ihm fabrizierte Menge, so braucht er nicht, wie sein englischer oder deutscher Kollege nach ausländischen Abladeplätzen Umschau zu halten. Er verstaut ganz einfach seinen Überschuß- oder Ausschuß in eine möglichst bunte, auffallende Packung, läßt sich einen Reklameagenten kommen, wird Mitglied eines soliden Reklameklubs, füllt die Tageszeitungen und Zeitschriften mit lügenhaften Annoncen und jetzt sich gemächlich nijedcr, bis seine Landsleute sich an seinen Ladentisch drängen. Und er kann mit ziemlicher Sicherheit darauf rechnen, daß sie sich einfinden werden; es kommt gar iticht, darauf an, wie minderwertig die Ware ist, sie stürben sich au,f die Annoncen und scheinen keinen höheren Wunsch zu kennen, als ihr Geld loszuwerden. Jn-
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