Heinrich Reuß
(Basel — Ernst Finckh Verlag 1921). „Diese Schrift wurde geschrieben im Kampfe gegen diese WirkungSlosigkeit. Sie entstand als ich mich zum Studium deS amerikanischen Gefängniswesens auf einer Nsise in den Vereinigten Staaten befand. Sie richtet sich au „alle". Denn „wir alle" tragen die Schuld an der immer größer werdenden Verbreitung des Verbrechens und am Untergang von Millionen Unglücklicher." Der Urheber dieser Worte verspricht uns einen interessanten und seiuer Meinung nach in Europa sehr unvollkommen bekannten Abschnitt aus dem Ringen des amerikanischen Strafvollzugs um das in weiter Ferne vorschwebende Ideal, die durch den Strafvollzug deklassierten Elemente dein moralischen Leben der Gesellschaft endgültig wiederzugewinnen. Mit großen, Hochgespannten Erwartungen tritt man an die Broschüre heran, zumal der Verfasser nach dem bekannten Muster Paul Göhres, um alles aus Erfahrung am eigenen Leibe verspürt zu haben, sich dem Opfer unterzog, selbst unter falscher Flagge sich in einen amerikanischen Zwinger einsperren zu lassen. Der Ertrag dieses Opfers ist eiu sehr geringer. Von den amerikanischen Gefängnissen erfährt man durch Vuilleumier so gut wie nichts. Ans den „Leidenstagen" hat den tiefsten Eindruck auf ihn gemacht, daß ein Schwarzer als Aufseher ihn bei der Aufnahme ins Gefängnis ziemlich brutal behandelt hat, der sich noch nicht zu jenen von himmlischen Harmonien erfüllten Sphären sozialer Pädagogik empor- geschwungen zu haben scheint. Jedesmal, wenn man denkt, jetzt geht es los, jetzt kommen die neuen Enthüllungen, hüllt sich der Verfasser in Schweigen. Statt dessen bekommen wir eine langatmige Polemik gegen die staatliche Strafe zu hören, deren Sinnlosigkeit und Erfolglosigkeit theoretisch festgestellt wird. Der Polemik kurzer Sinn ist der: Vom naturwissenschaftlichen und soziologischen Standpunkt aus ist das Verbrechen nicht als Verbrechen, sondern als Krankheit zu behandeln. „Wir haben nicht nur kein Recht zu strafen, sondern Strafe ist sinnlos und erfolglos. Strafe ist Gewalt. Wir wollen keine Gewalt." Was der Verfasser aber will, darüber schweigt er. Seine Erkenntnis, daß das Verbrechen etwas allgemein Menschliches ist. dem jedermann verfallen kann, ist etwas absolut Selbstverständlichesschon der Apostel Paulus hat dieser Tatsache den klassischen Ausdruck verliehen „wir sind allzumal Sünder". Seine Methode, über das Verbrechen auf den Wegen Lombrosos Klarheit zu gewinnen, ist wissenschaftlich als unhaltbar heute von Medizinern und Naturwissenschaftlern überholt: der geborene Verbrecher existiert nicht-, der Verbrecher wird nicht geboren, sondern erzogen. Die in dem ökonomischen Materialismus der Sozialdemokratie wurzelnde Forderung: „wir verlangen für die Verbrecher einerseits Entwicklung und andererseits Behandlung" ist der Höhepunkt dieser Broschüre; Verfasser verlangt also keine Vergeltung, sondern ausschließlich Erziehung, eine Forderung, die auch etwas Uraltes ist.
Diese Broschüre ist ein Zeichen unserer Zeit. Das süß schmeckende Gift eines Pharisäismus, der alles für sich beansprucht, aber die alte Zeit mit der Schlammflut ekler Verdächtigung besudelt, frißt immer weiter um sich und macht unser Volk unfähig zu einem unbefangenen Verstehen der Vergangenheit. Wer sich über die Verdienstlichkeit des amerikanischen Strafvollzuges unterrichten will, der darf auch heute noch zu einein Werke greifen, das im Jahre 1911 Georg
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