Die Emanzipation Persie n s
Für Lord Cnrzon, den britischen Staatssekretär des Auswärtigen, mag es sehr schmerzlich sein, das Ende der bisherigen englischen Bemutteruugspoliti! in Persien erleben und besiegeln zn müssen. Gerade er, dessen Werke über Persien und Mittelasien starke Beachtung gefunden haben, war einer der Haupi^ Verfechter des Gedankens, aus Persien, Afghanistan, Mesopotamien, Palästina und Arabien eine britische Brücke zwischen Indien und Ägypten zn bilden nnd zugleich Indien durch ein Glacis gegen Einfälle von Nordwesten her zu sichern. Die Mandatsgebiete in Palästina nnd Mesopotamien, die ressortmäßig vom Kolonialministcr Churchill abhängen, sind das Überbleibsel dieser umfassenden politischen Idee. Durchbrochen wurde der Plan der englischen Brücke vom Nil znm Ganges dnrch die Festsetzung der Franzosen in Syrien. Wenn heute weite Kreise in England darüber klagen, daß Großbritanniens Ansehen in Mittelasien völlig geschwunden sei, nachdem beim Ende des Weltkrieges nnr noch der Union Jack in jene,» Landstrichen etwas gegolten habe, so ist diese Tatsache nicht allein dem wachsenden, Selbstbewußtsein der Völker des Orieuts zuzuschreiben oder der bolschewistischen Propaganda, die Lord Curzon in einer Note an Tschitscherin so stark beklagt hat. London, das stolz darauf war, in Jahrhunderte langer praktischer Tätigkeit den Schlüssel zur Beherrschuug des Ostens gefunden zu haben, hat nenerdings gerade dort die schwersten psychologischen Fehler begangen. Seine Politik im Orient war seit dem Weltkrieg dnrchans schwankend. Der Versuch, die Türkei zn zerschlagen und die osmcmischen Khalifen unter britischer Aufsicht zu Schattenwesen zn macheu, wie sie einst die Abassiden in Ägypten gewesen waren, war der Grundirrtnm. Durch die völlig verkehrte Behandlung der Türken siud nicht nur die unter un-> mittelbarer Einwirkung Englands stehenden Muslime verstimmt worden. Die Türken haben auch die Gelegenheit bekommen, ihre Lebensfähigkeit der Welr dnrch die Tat vor Augeu zu führen. Griechenland, das ebensowenig wie die Männer von Angora sich dem Machtgebot der Entente gefügt hatte, sondern tren zum angestammten König Konstantin hielt, ist von den Engländern in eine,» unheilvollen Krieg gegeu die Türken gehetzt worden. Anstatt daß dnrch das Blut griechischer Soldaten im Interesse Englands die Nationalisten von Angora beseitigt wurden, tobt heute uoch der Kampf in Kleinasien, nnd die gesamte Welt! des Islam erblickt in Mustafa Keiual, Kiasim Karabekir, Rauf und den anderen Führern der türkischen Nationalisten die unerschrockenen Vorkämpfer der muslimischen Sache. In Palästin a vermag England die Gegensätze zwischen den eingesessenen Arabern und Christen und den zuwandernden Jsraeliten nicht auszugleichen. Bei den Kurde n gibt es Schwierigkeiten, nnd in Mesopotamien wird die Ruhe auch nach der Einsetzung König Faissals nur aufrechterhalten durch eine starke Truppenmacht und einen kostspieligen Beamtenstab. Ganz verfahren erscheinen die Dinge in Ägypten, wo der Drang des Volkes nach völliger, dnrch keinerlei englische Bevormundung eingeschränkter Unabhängigkeit sich nicht unterdrücken läßt. Aus Indien kommen schließlich täglich Nachrichten von Widersetzlichkeiten und Aufständen, von Verhaftungen nnd Reibungen aller Art.
Beachtliche angloindische Stimmen haben betont, daß die Schwierigkeiten an der Nordwestgrenze die Unterhaltung einer großen Streitmacht erforderlich machten und daß nur die Herstellung eines guten Verhältnisses zn Afghanistan
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