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81 (1922) 81. Jahrgang.
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Die Grenzboten

Politik, Literatur und Nunst

8^. Jahrg., q. Februar 5922 Nummer 5

Macht

von -V

I.

Alan klagt in der deutschen Republik viel über Verwilderung und feindliche Bedrückung; man sehnt sich nach Ruhe und Ordnung, entwirft Ordnungs- und Wiederaufbauprogramme', man müht sich, durch ein Höchstmaß materieller Leistungen und die Beteuerung aufrichtiger Willfährigkeit die Feinde ringsum milde zu stimmen; man betrachtet die Dinge nach deutscher Artobjektiv", würdigt den Radikalismus im Innern als natürliche Reaktion gegen einen fluchwürdigen Absolutismus und Militarismus und hat sich schon daran gewöhnt, in dem Vernichtungswillen unserer Feinde die berechtigte Eigenart einer uns fremdenMentalität" zu erblicken.

Es wird sehr viel politisiert, mutige Leute in den Parlamenten sprechen sogar hin und wieder von der notwendigen Herstellung der Staatsautorität. Schließlich bedeutet ja Politik so etwas wie Staatskunst, und denRacker" Staat kann man sich sogar in der Ära der Volkssouveränität ohne Autorität nicht recht vorstellen. Selbstverständlich ist die Staatsautorität nur in ihrer Wirkung nach Innen gedacht. Sie außenpolitisch zu fordern, wäre unstaaismännisch: denn eine solche Forderung könnte die Aufrichtigkeit unseres Wohlverhaltens zweifelhaft machen, womöglich ein neues Ultimatum oder neue Sanktionen zur Folge haben.

Nur vereinzelt hört man das kernige Wort vonstaatlicher Macht", und wenn es ertönt, dann erhebt sich scharfer Widerspruch, nicht allein bei der Kon- kurrcnz, nämlich denjenigen, die an Stelle einer nationalen staatlichen Macht die Herrschaft einer internationalen proletarischen Gesellschaft setzten möchten, sondern auch auf den Bänken der sogenannten bürgerlichen Parteien und nicht zu ver­gessen auf den Ministersesseln. Dem einen ist das Wort eine unerträgliche Provokation, dem anderen ein mit derneuen politischen Ethik" nicht zu verein­barender Begriff.

Wir Deutschen zeigen damit, daß wir teils Staatsseinde, teils politische Kinder sind und bisher aus unserer wechselvollen Geschichte nichts gelernt haben.

Grenzboten I 1922

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