Das amerikanische Credo
Das amerikanische (Lredo
Von H. L. Mencken, Baltimore l.
I^ber den Mann aus dem Volke — in Amerika — hat sich eine Fülle irriger Urteile angesammelt, deren Umfang und deren Tragweite ganz erstaunlich ist. Nicht nur der Ausländer verkennt seine Gedankenwelt vollständig, auch die eigenen Landsleute, die ihm an Bildung überlegen sind, machen sich oft ein falsches Bild, und sogar ihm selbst fehlt es an dem richtigen Verständnis für seine Eigenart.
Diese letzte Behauptung mag auf den ersten Blick nur als die betätigte Neigung zum Paradoxen erscheinen, aber die buchstäbliche Wahrheit tritt nach kurzer Prüfung zutage. Wenn man an den Durchschnittsamerikaner die Frage richtet, welche Leidenschaft sein Gefühlsleben am meisten beherrscht, s« wird er wahrscheinlich neunmal in zehn Fällen seinen glühenden, unauslöschlichen Freiheitsdrang anführen. Er hält sich in der Tat für den Hauptvertreter der Freiheit in der ganzen Welt, und alle anderen, die sich zur Freiheit bekennen, lediglich für sein halb furchtsames, halb mißgünstiges Gefolge. Wer seinem Feuereifer keinen rechten Glauben schenken wollte, würde ihm eine ebenso schwere Beleidigung zufügen, als wenn er die Ehre der Republik, oder die Tugenden seiner Gattin für fragwürdig hielte. Und doch muß es jedem unbefangenen Beobachter ohne weiteres einleuchten, daß dieser inbrünstige Eifer im Laufe von ISO Jahren die alte echte Glut zum großen Teil eingebüßt hat und in das Stadium einer nur noch in Talmiglanz schimmernden Kultsonn herabgesunken ist. In Wirklichkeit genießt der moderne Amerikaner wohl weniger persönliche Freiheit als irgend ein anderes Mitglied der Christenheit — und selbst seine politische Unabhängigkeit wird zusehends von dem neuen Dogma erdrückt —, von dem Dogma, daß gewisse von der Negierung aufgestellte Theorien mustergültig und rechtmäßig, andere dagegen unerträglich und verbrecherisch sind.
Die Gesetze, die den Kreis seiner Bewegungsfreiheit einschränken, mehren sich von Jahr zu Jahr. Es ist ihm jetzt in der Tat zur Unmöglichkeit geworden, irgend etwas aufzuweisen, das, sei es in Worten oder Taten, als unverfälschte, persönliche Eigenart anzusprechen wäre, ohne sich mit dem strengen, schier unser- ständlichen S-rafgesetz in Widerspruch zu setzen.
Und der unparteiische Zuschauer wäre wohl nicht erstaunt, wenn das Motto „In Qvci >ve trust" (wir vertrauen auf Gott) eines Tages durch die Washingtoner Junker Partei von den Münzen der Republik getilgt und dnrch das viel passendere Losungswort „Verboten" ersttzt werden würde. Und man müßte schon recht romantisch veranlagt sein, um sich zu wundern, wenn dann auch die Göitin der Freiheit von dem Silberdollar entfernt würde, um der plastischen Darstellung eines Schutzmanns mit der Pickelhaube das Feld zu räumen.
Überdies geht diese allmähliche (uud in letzter Zeit mit beschleunigtem Tempo fortschreitende) Zersetzung der Freiheit fast ohne Protest von statten. Der Amerikaner hat sich an die Entziehung seiner verfassungsmäßigen Rechte und an die enghsrzige Kontrolle seiner Lebensführung durch ein Heer von Spionen. Briefzensoren, Denunzianten und „aZents provocatours" so gewöhnt, daß er keinen ernstgemeinten Einspruch mehr erhebt.
Es ist zweifellos eine vielsagende Tatsache, daß bei den neuen, nahezu unglaublichen Maßnahmen des Spivnage-GesetzeS und anderen ähnlichen Verfügungen der einzig bekundete Widerspruch entweder von direkt in Mitleidenschaft gezogenen Personen herrührte (von denen neun Zehntel Sozialisten, Pazifisten
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