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Deutsches Werden :
(Randbemerkungen zu Wilhelm Schäfers neuem Buch)
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Deutsches Werden

Deutsches Werden

(Randbemerkungen zu Wilhelm Schäfers neuein Bück?) Von Otto Brües

Allgemeine Voraussetzungen

Dem Kriege, als einem Gipfel sichtbaren Geschehens, mußte notwendig eine leb­hafte Erörterung des Begriffes Geschichte folgen, die in Spenglers bekanntem Werk ihren am weitesten bemerkten Höhepunkt erklomm. Der Meinungen sind viele. Eine Gruppe, vaterländisch gesinnt, leitet den Zusammenbruch aus einer Miß- achtung der Lehren unserer Geschichte ab; eine andere, europäisch eingestellt, glaubt aus dem bisherigen Verlauf der Geschichte die Notwendigkeit des Zusammen­schlusses der Staaten zum Erdteil ablesen zu können; eine dritte Gruppe verwirft die Geschichte, weil sie in ihr ein einziges Schlachtfeld mit den Niederlagen der Menschheit sieht und allein durch unbeschwertes und unbekümmertes Vorwärts­schauen die Zukunft gestalten will. Aber damit sind die Unterschiede der von der Gesinnung her bestimmten Denkweisen noch nicht aufgezählt. Wieviele Fragen knüpfen sich erst an, wenn man die Geschehnisse als Taten einzelner oder einer Gesamtheit, wenn man sie als heldisch oder Massenwerk, wenn man sie als idealistisch oder materialistisch, als Notwendigkeit oder Zufall, als Gottesleugnung oder -Offenbarung deuten soll?

Verwickelter noch ist der Begriff der deutschen Geschichte. Von dem Augenblick an, es war auch vom Maßstab der Ewigkeit her ein Jahrhundert­augenblick in dem dem germanischen Urstmnm das christliche Reis aufgepfropft wurde, mußte in dein deutschen Menschen eine Neignng, ja ein geheimer Zwang zur geschichtlichen Betrachtung erwachen. Sie war nichts anderes als die Sehn­sucht, die entgegengesetzten Wesensteile zu erklären und in ihrer Schicksals­bestimmung zu deuten. Dies Ergebnis der geschichtlichen Auffassung seiner selbst hat der Deutsche nnn nicht zunächst in der Geschichtsschreibung niedergelegt, son­dern in der langen Kette deutscher Selbstbiographien von der Mystik der Hilde­gard von Bingen und der Mechthild vou Magdeburg bis zum Pietismus, zu Goethe und zu Nietzsche. So gewagt es sein mag, für die Fülle solcher Selbst- darstellungen einen gemeinsamen Neuner zu suchen (Th. Klaiber uud W. Mahr holz sind zum ersten Male wesentlich oder doch wenigstens sammelnd in sie hineingetaucht), so verlockend und wahrscheinlich ist eS doch, den Nenner bei aller deutschen Untauschbarkcit deS Einzelnen, ja, bei aller Eigenbrötelei, bei allem Kauztum zu finden in der freilich bei jedem Selbstbiographen anders liegenden Mitte zwischen Heidentum und Christentum.

Eine andere Gemeinsamkeit, die Ernst Bertrain in seinem Nietzsche-Buch durch das Kapitel vomDeutschen Werden" in vorbildlicher Weise entwickelt, ist die, daß der Deutsche sich immer als unfertig, immer als ein Unvollendeter empfindet; das war der tiefere und vom Standpunkt klarer romanischer Formung erklärlichere Grund für jenen uns cmgetanen Vorwurf des Barbarentums. So muß der Deutsche um so mehr die Vorstufen seines Werdens zu erkennen trachten, als er aus schmerzlicher Bestimmung und faustisch sich immer wieder den Boden unter den Füßen wegzieht. ES kommt hinzu, daß die deutsche Seele mehr als jede andere Volksseele eine Tauschseele ist. was sie nicht beflecken kann, solange sie in ihren reinsten Daseinsstunden zu sich selbst zurückfindet; aber daß so viele fremde Mächte über sie hinweggegangen sind, erschwert dein Beobachter der Ge­schichte seine Aufgabe bis zur Unentwirrbarkeit. »

Die letzte Klippe, die der Geschichtsdeuter umfahren muß, ist seine eigene menschliche Unzulänglichkeit, und sie ist ihm, wie allen schöpferischen Geistern, zwiespältig Hemmnis und Förderung. Um jede Zeit schwebt, wie um jeden

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