Die Vorliebe für das Phantastische
Die Vorliebe für das phantastische
von Anrt Lngelbrecht
Die schlichte Wirtlichkeit, so wie sie sich unseren Sinnen darstellt, hat >in sich nichts Phantastisches. Und wenn wir es trotzdem darin sehen, so ist es erst wieder unsere eigene Phantasie, die kraft ihrer schöpferischen nnd gestaltenden Fähigkeiten, das Phantastische in die Welt der ruhigen, , gleichmäßigen und kalten Erscheinungen hineinvcrlegt. Die Wirklichkeit ist stets gradlinig und eindeutig. Erst unsere Phantasie liebt es, sie umzubiegen, ihr einen zweiten, höheren oder niedrigeren Sinn unterzuschieben, ihr weitere, vielfältige Deutungen zu geben.
Vielgestaltig ist natürlich die Wirklichkeit in dem Wechsel, den Raum und Zeit bedingen. Vielsinnig und vieldeutig wird sie jedoch erst durch ein schöpferisches Tun des Menschengeistes. So kann man sich der Vielgestaltigkeit der Natur um ein Beispiel anzuführen — von Herzen freuen. Raum und Zeit stellen die Natur in einen Wechsel hinein, der die einförmigste Landschaft heute so und morgen ganz anders vor unser Auge treten läßt. Und dieser Wechsel ist etwas Tatsächliches, von unserm eignen Willen ganz Unabhängiges, das sich nach bestimmten Voraussetzungen vollzieht, die wieder durch die Eigenheiten von Raum und Zeit bedingt werden. Man kann seine helle Freude an diesem Wechsel haben und dennoch ein ganz phantasieloser Mensch sein, der einfach mit dem zufrieden ist, was seinen aufnahmefrohen Sinnen dargeboten wird. Man kann auch ein volles Genüge finden an den Dingen und Erscheinungen der wirklichen Welt, da sie in ihrem reichen Wechsel auch den größten Ansprüchen gerecht zu werden vermögen.
Verkehrt ist es deshalb, zu meinen, daß nur der schöpferisch gestaltende Geist die höchste Schönheit in den Dingen zu erfassen imstande sei. Reine Genußfreude ist keineswegs durch ein gewisses Maß von Phantasie bedingt. Ich glaube vielmehr, daß eine ruhigere Freude, ein ungestörter Genuß demjenigen erwachst, der nicht durch seine Phantasie ständig dazu getrieben wird, die Erscheinungen umzuformen und in neue Gewänder zu kleiden.
Die Phantasie bringt in der Welt des Sichtbaren — ähnlich wie die Liebe in der Welt seelischer Eindrücke — ein Glück ohne Ruh mit sich, ein Glück, das in seiner UnVollkommenheit seinen Hauptreiz enthält.
Deswegen soll man den Künstler nicht um eines besonderen Glückes willen beneiden, das er etwa vor allen andern Menschen inmitten der wirklichen und greifbaren Erscheinungswelt genießen dürfe. Der Kundige wird ob solchen Neides überlegen lächeln. Er weiß es besser. Gerade die Phantasie, ohne deren Besitz natürlich kein Künstler auszukommen vermöchte, stellt ihn den klaren und eindeutigen Dingen in der Welt unsicher und tastend gegenüber, und er ist nie gewiß, ob er ihrer Herr werden oder ob er an ihnen scheitern wird.
Denn er befindet sich immer in einem Zwiespalt. Die Phantasie eröffnet ihm den Blick in ein Land unbegrenzter Gestaltungsmöglichkeiten. Die Phantasien des Geistes fragen nicht nach einem möglich oder unmöglich; sie weiten ihre Flügel nach freiem Gefallen; sie gleichen den Träumen, die keinerlei Gebundenheiten kennen mögen.
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