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Die beiden Freunde
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Hellmuth von Moltke

Die beiden Freunde

von Hellmuth von Moltke

Moltke hätte auch ein großer Schriftsteller werden können. Einer unserer ersten Stilisten schwor später der Dichtung ab und befriedigte sein Formbedürfnis im Ausfeilen des berühmten preuszischen Generalstabsstils der klaren Prägnanz nn eigenen und fremden Schriftsätzen.

Wir bringen nachfolgend das 1. Kapitel der einzigen No­velle, die Moltke schrieb und die nur wenigen bekannt ist. Der persönlich-biographische Untergrund der Jugenddichtung des großen Schweigers ist soeben durch Siegfried Moltke auf Grund von Briefen geklärt worden. (Lohmann Verlag, Leipzig.)

Es war im Jahre l.762, au einem heiteren 'Sommerabende, dessen Ruhe so oft im schneidenden Gegensatz mit den Stürmen der Zeit steht, als zwei junge Krieger in lebhaftem Gespräch längs den schönen Ufern der Elbe hinschritten. Die Sonne vollendete ihre nnumwölkte Bahn, und ihre letzten Strahlen vergol­deten eine Landschaft, welche, unlängst der Schauplatz von Krieg und Schlachten, jetzt ein Bild stillen Friedens war. Tausende der Ehrgeizigen, welche dort ge­kämpft, waren nicht mehr; ihre Pläne, ihre kühnen. Entwürfe und ihre Leiden I«arg das grüne Grabtuch, welches ein neuer Frühling über sie ausgebreitet. Dieselben Berge, welche von dem Donner der Geschütze erbebt, wiederholten nun das Geläute friedlicher Herden, zertretene Saaten keimten fröhlich wieder empor, und derselbe. Strom, den einst so viel Blnt gerötet, trug jetzt den Widerschein einer lachenden Gegend.

So verwischt die. freundliche Natnr mit wohlwollender Hand die Spuren, welche Haß uud Feindschaft der Menschen ihr vergebens aufzudrücken strebe«. Die Stürme ziehen über sie hin und sind vergessen. Nnr das Gemüt der Mcn- scheu gleicht dem vom Strome geknickten und zn Boden geworfenen Rohre, das sich nicht wieder zu erheben vermag.

Die blaue, eug anschließende Tracht der beideu Wanderer, ihre silbernen Schärpen und jene militärische Haltung, welche ein altes Erbteil des preußischen Heeres zu sein scheint, zeigten, daß sie unter König Friedrichs Fahnen fochten, obgleich ihr jugendliches Alter vermuten ließ, daß "sie uur die letzten Feldzüge dieses laugen Kampfes mitgemacht hätten, den erst die. gänzliche Erschöpfung endigen sollte.

Der eine der beiden jungen Männer war von großem, kernhaftcui Wuchs. Eine Adlernase und schwarze Locken gaben seinem regelmäßig schönen Gesicht einen kräftigen Ausdruck. In seinem ganzen Wesen sprach sich die fröh­liche, ans Selbstvertranen gebante Sorglosigkeit ans, mit welcher die Natur offene Gemüter beschenkt, deren Mangel an Tiefe sie. durch Geradheit und mutige Laune ersetzt.

Sein Gefährte war ein sehr schlanker Jüngling, das Bild eines Nord­länders. Blonde Locken umgaben ein ziemlich blasses, aber höchst ausdrucksvolles Gesicht, welches, ohue Ansprüche auf Schönheit machen zu köuneu, von überaus ernsten und edlen Zügen belebt war. Seine Haltung war elegant, und er schien so sehr zu Hause in der militärischen Tracht, als ob er an dem Degen emporge­wachsen wäre, welcher an seiner Hüfte hing.