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81 (1922) 81. Jahrgang.
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Die Grenzboten

Politik, Literatur und Kunst

8^. Jahrg., 25. Januar ^922 Nummer 3

poincarismus

von Fritz Aern

Vor Monaten wurde in diesen Blättern die Befürchtung geäußert, daß der voraussichtliche Nachfolger Briands, Poincare, uns weniger durch Brutalität als durch geschicktere Behandlung Englands zu schaffen machen dürfte. Der ist kein Politiker, der nicht wandlungssähig bliebe. Wie seinerzeit der liberale Lloyd George 191« dem Präsidenten Poincarö über den Kopf des weicheren Ministers Briand hinweg' dasKnock out" gegen Deutschland schenkte, so kann und wird heute dem nicht mehr berserkerhaften Lloyd George zuliebe aus dem eisenfressenden Senator Poincarö ein Ministerpräsident werden, der die europäische Solidarität im Munde führt, um uns desto sicherer zu vernichten.

Poincares Ehrgeiz ist die Erneuerung der britisch-französischen Entente.

Bündnisse werden geschlossen mit Freunden zur gemeinsamen Verfolgung, gleichlaufender Belange oder aber mit Gegnern zur friedlichen Austragung der bestehenden Gegensätze. England schließt Bündnisse im allgemeinen mit seinen Gegnern, mit seinen Freundennur" Ententen. Poincare wäre eine neue Entente lieber als ein formelles Bündnis. Er hat jedenfalls den in England ausgearbeiteten Bündnisvertrag, der gewisse Ähnlichkeiten aufweist mit dem Vertrag, den Haldane 1912 Deutschland anbot, abgelehnt. Er hat erklärt, öfter und länger, intimer und geduldiger mit Lloyd George zusammen kommen zu wollen als Briand. Natürlich solange Lloyd George noch Versuche unternimmt, Frank­reich im Obersten Rat zu majorisieren oder gar auf internationalen Konferenzen zu isolieren, solange will Poincare beides meiden. In Voulogne oder in Lympne, dort, wo die beiden Kriegsgötter der Entente sich so oft in kritischen Augenblicken, bei deutschen Siegen, wechselseitig in die mehr oder weniger große Seele geblickt haben, dort will der Lothringer dem Walliser unter der Tarnkappe des Geheim­nisses begegnen, bis er Lloyds heutige Phraseologie und umgekehrt dieser Poincares Deutschenhaß so weit sich gegenseitig zu eigen gemacht haben, daß Grenzboten I 1922