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Bildende Kunst
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Paul Fechter

Bildende Aunst

Von Paul Fechter

An zwei Stellen gleichzeitig gab es im Dezember Ausstellungen von Arbeiten Max Pech steins: im Kronprinzenpalais, wo Ludwig Justi klug seine wechselnden Revuen der jungen Kunst fortsetzt, scch man einen Teil der malerischen Ergebnisse des Jahres 1921, in der Galerie Möller gleichzeitig Aquarelle und einige Graphik, ebenfalls aus der letzten Zeit. Das Ergebnis beider Aus­stellungen ist fast das gleiche: nämlich Freude an der menschlichen Kraft, die hier am Werke ist, an dieser ungebrochenen Vitalität, die sich in diesen Dingen auslebt, als sei Malen kein Beruf, kein Handwerk, sondern die herr­lichste wunderbarste Betätigung, die es in diesem wunderbaren Leben überhaupt gibt.

Über den Maler Pechstein reden oder schreiben ist ein etwas kompliziertes Unternehmen, weil er nämlich im Grunde ganz unkompliziert ist. Seine ganze starke Wirkungskraft beruht auf dieser inneren Einfachheit, auf der un- verwirrten Gradlinigkeit seines Lebens- gefühls. paintiiiA is kor me dut anotnvr nonl kor keeliiiZ, sagt der alte Constable einmal: dies Wort gilt auch für Pechstein, vor allem, wenn man statt Fühlen noch Leben sagt. Darum wirkt er gerade heute oft so unzeitgemäß, weil er zu dem geistigen, dem abstrakten Suchen der Zeit keinerlei Ver­hältnis hat. Man braucht nur einmal aus den Pechsteinsälen in den Raum des Kron­prinzenpalais hinüberzutreten, in dem die Bilder von Marc und Feininger und den andern hängen. Dort ein Bohren, Suchen, Formen, ein Auflösen des Erlebten schon an den Wurzeln, ein Arbeiten mit verdünntem, vergeistigtem Material: bei Pechstein ein robustes Zusammenfassen unversehrten Ge­fühls zu einem fest geballten Gefüge kraft­voller Farben, kein Suchen, sondern ein Fest­stellen erlebten Daseinsglücks in einer Betätigung, die selbst wieder als Glück empfunden wird.

Man kann darüber streiten, welche der beiden Tendenzen wesentlicher und heute wichtiger ist. Nicht zu bestreiten ist, das; die stärkere unmittelbare Wirkungs­kraft aus seiten Pcchsteins liegt. Gewiß, es ist eine Wirkungskrast rein' von dieser Welt, rein empirisch, ohne Beziehung zum Transzendenten oder wenigstens nur über das Sinnlich Empfundene; aber diese Kraft ist so stark, daß die Bilder der anderen daneben zunächst wenigstens dünn und blaß und grau erscheinen. Die Welt Pechsteins wird nicht durchsichtig, nicht transparent;

aber sie strahlt das Leben, das von dieser Welt ist, so kräftig und einfach wieber, daß immer von neuem etwas Beglückendes und Bereicherndes davon ausgeht. Man fühlt, daß dieser Maler ?,u den ausstrahlenden Menschen gehört, die aus einem Überfluß heraus schaffen, nicht zu den saugenden, die im Bilde ihr Gefühl der Mangelhaftigkeit des Daseins wenigstens etwas auszuheben ver­suchen. Es ist ein sehr natürlicher un­komplizierter Reichtum, aus dem heraus Pechstein schafft und zuweilen wird das Er­gebnis, wenn die Stunde nicht günstig ist, nur Dekoration; wenn daneben äber Bilder entstehen wie das wogende Kornfeld, oder die Flußmündung, so fühlt man sich wieder trotz aller Einwände zum Ja-Sagen ge­zwungen. Es ist nur ein Teil'unseres Lebens, der hier gestaltet ist, und neben der Rubenswelt muß die Rembrandtwelt. stehen; wenn dieser Teil so stark und schön geformt ist, ist er Stärkung und Bereicherung des Ganzen. Indem dieser Maler, in seiner Lebenskraft immer noch wachsend, sein Dasein im Werk immer strahlender bestätigt, bestätigt er zugleich unser aller Leben als das von ihm verbundenen Zeitgenossen dieses Welt­gefühls.

Max Beckmann, der gleichzeitig im Graphischen Kabinett am Kurfürstendamm neue Bilder zeigte, ist etwa ebenso alt wie Pechstein. Aber er gehört mit einer Hälfte seiner Seele noch der vorigen Generation an, der impressionistischen, an das Wirkliche ge- bnndenen und nur die andere Hälfte möchte darüber hinaus zur Doknmentierung des Seelischen kommen. Aber auch in dieser Hälfte ringt nicht eigentlich vor der Welt Erlebtes um Ausdruck, sondern ein ehrgeiziger Wille drängt danach, den Betrachter des Werks vergewaltigend zur Anerkennung zu zwingen. In Beckmann lebt eine nicht ge­wöhnliche Energie: diese Energie geht aber nicht rein auf in der Hingabe an die sach­lichen Erfordernngen des Werks, sondern sie bleibt unbewußt den persönlichen Wünschen des Malers verbunden. Auf diese Weise kommt ein Zug in die Arbeit hinein, der auf den Betrachter aggressiv wirkt: er soll nicht durch die überpersönliche Notwendigkeit des Werks, sondern durch die persönliche Kraftanspannung des Malers von dessen Stärke überzeugt werde». ES wirkt aber immer nur das' Sachliche, weil es das All­gemeine ist; das Persönliche bleibt Sondcr- fall und steigert nicht die Überzeugungskraft,

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