Hans Thoma
Tageszeiten
Landschaften in Worten von Hans Thoma Morgen
Mutterslehnwirtshaus war es, wo ich an einem Hochsommersonntag früh erwachte und aus dem Fenster in den Nebelglanz des aufsteigenden Morgens hinaussah. Nebelschleier umhüllten Tal und Wald, aus deren Glorienschein nun bald die Sonne durchbrechen mußte.
Da, aus diesem Morgenglanz heraus, aus dem Tal herauf ertönte das Gebet von Wallfahrern, die zu der Gnadenmutter in Todimooö pilgerten mit lautem Gruß an die himmlische Mutter, ein Lobgesang und auch ein Hilferuf der geängstigten Seele, die unsicher zwischen Gut und Böse ihren Lebensweg gehen muß: „Gegrüßest seist Du, Maria! Du bist voller Gnaden, der Herr ist mit Dir! Du bist gebenedeit unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes, Jesus! Heilige Maria, Mutter Gottes! bitt' für uns arme Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes! Amen." —
Da durchbrach der Glanz der Sonne die Nebelschleier, und der ganze Morgenhimmel war in Gold gehüllt, wie eine himmlische Verheißung. Mich umgab ein unsagbar heiliges Geheimnis, das für mich ein geoffenbartes Ereignis wurde. Ich verstand so gut den Ruf der bedrängten Menschenseele an die Mutter der Barmherzigkeit, die Bitte um Aufnahme in ihre schützenden Arme aus der Unsicherheit und den Zweifeln des Lebens.
Als die Pilger am Haus vorbeikamen und betend ihres Weges weiterzogen, schloß ich mich ihrem Beten an, bis es in der Ferne verhallte, und wie sin Echo in meinem Herzen tönte es weiter: „Gegrüßet seist Du, Maria!" —
Und nun stieg wieder der bekannte nüchterne Alltag aus der Glorie des Morgens herauf mit seiner Geschäftigkeit, mit all den kleinen und großen Plagen und Sorgen und auch Freuden, welche Natur und Meuschen auf dem Lebenspfad sich auferlegen müssen. —
Mitt a g
Die höchste Stunde des Tages ist auch die stillste; um die Mittagsstunde, beherrscht das große Schweigen die Welt: mit munterem Gemurmel nur eilet des Büchleins kristallklar blinkendes Wasser dahin über den goldbraunen Grund von gerundeten Sieinen. Mit den Gräsern und dem Moos, die seine Ufer umpolstern, spielt es neckisch und eilet davon; pfeilschnell gleitet die glatte Forelle von Dunkel zu Dunkel an schützenden Bord.
Der Tcmneuzweige dichtes Gewirke verhüllet den Sinnen die rnhtose Welt, und die Sonne spähet, wo ihr leuchtendes Auge das Dunkel des Dickichts durchbreche. Azurblau leuchtet das Himmelsgewölbe wie seeliger Friede von oben herab . . . ruhige Freude atmet die Welt. Nur die Ameise durchwimmelt emsig den Boden, sie schleift Stoffe zu ihrem Bau; manch Würmlein wird ihr zum Raube. Und über dem goldbraunen Grnnde des Wassers tanzt zitternd ein tiefblauer Funke im wechselnden Licht, das leichte Gebild der Libelle. Und ein wippend tänzelndes Vöglein stelzt an den Steinen des Ufers einher. Hohe, feierliche Stunde des Mittags, bring' auch meinem unruhig pochenden Herzen deinen versöhnenden Frieden! —
*) Mit freundlicher Erlaubnis des Verlags Eugen Diederichs, Jena, dem soeben, erschienenen „Jahrbuch der Seclo" vou Hans Thoma entnommen.