Eine Rede zur W i n t e r l i ch t w e n d e 1921/22
(Line Rede zur ll)interlichtwende
Gehalten iin Landestheater zu Stuttgart von Herbert Lulenberg
Wir geben dem Eulenberg das Wort als Dichter, nicht als Politiker.
ü^enn unsere beschwingte Vorstellungskraft — ein Flügelschlag nnd hinter uns Äonen! — nns nur um zwölfhnndert Jahre zurückträgt, so schanen wir eine Horde von Frauen, Männern nnd Kindern an dieser Stelle stehen, eine Horde, deren in Tierfelle gehüllte struppige Zugehörige wir Heutigen schaudernd als „Wilde" bezeichnen würden. Wir schanen diese unsere Vorfahren, wie sie den Teich vor unserem Bühnenhaus umringen, an dessen Rand ein schwarzes Pferd geschlachtet und den Seelen der Abgeschiedenen geopfert wird. Unter den Händen der Priester fließt das Blut des Tieres dein Wasser und der Tiefe zu, die es verschlingt, uud uur den in der Nähe Lanschenden verständliche Sprüche und Gebete verhallen dabei mit dem Blutrauch des Opfertieres in die kalte Winterlnft.
Nicht allzu lange währte dem deutschen Heidentnm aber an jenen Tagen die ernste düstere Feierlichkeit. Das Julfest der Germanen, wie es inmitten des Winters begangen wurde, galt nur zn einem Viertel der Versenkung in das Vergangene und Gestorbene. Der Wille znm Leben, der einer betränten Hekubn trotz des Verlustes all ihrer Söhne Becher und Brot an die Lippen drückt, der mächtige Wille, der den Gott Thor, den germanischen Herkules mit dem rötlich wallenden Bart und Haar nach dem Verlust seines Riesenhammers erst drei Humpen Meth leeren läßt, dieser stete Jnbellauf des Lebens ward in dem Winterlichtwendefest unserer Vorfahren am stärksten gefeiert. Mitten in der tiefsten Nacht und Kälte geschah ja das Wunder, das jedem Kind ins Bewußtsein strahlen mußte; das Licht der Sonne wandte sich nns anfs nene zn, und die abgestorben scheinende Schöpfung dehnte sich nntcr dem Glanz des nns wärmenden Gestirns erneut dem Leben entgegen.
Ten Verkündern des christlichen Glaubens, die im Laufe des achten Jahrhunderts Germanien aus seiner alten Götterlehre rissen, ward es darum besonders leicht, ihr neues Weihuachtsfest zur Feier des in Christo der Menschheit angebrochenen geistigen Lichtes als ein freudevolles Ereignis den Dent- schen ins Gemüt zu pflanzen. Wenn jene düstere Einleitnng, das Opfer, das man dem Winter und dem Sterben verbrachte, vorüber war, so wurde dies Sonnenwendefest zu einer ausgelasseuen Lustbarkeit, wie es das Wort „Jul", das „Freude" und „Scherz" bedeutet, in seinem Klang schon ausdrückt. Während des Jülfestes ruhte bei deu deutscheu Völkern jede Arbeit und jeder Streit, also daß es auch vor der Eiuführung des Christentums als eigentliches Friedens fest entfacht wurde. Mau tat sich zu Gelagen znsammen, bei denen mit Vorliebe öffentliche Gelübde für den Kreislauf des Lichtes abgelegt wurden, der soeben begonnen hatte. Die Geister und Götter der Unterwelt hielten ihre feierlichen Umzüge in der Dämmerung. Die Geschenke, mit denen mau einander schon in der frühesten Heidenzeit um diese Tage bedachte, wurden verhüllt einander zugetragen oder in das Zimmer dessen, den man beschenken wollte, hineingeworfen. Ein besonders schöner, kindlicher und treuherziger Wesenszug unserer Vorfahren, die damit die Dankesüußerungen des Bespendeten vermeiden wollten, die ihre „schenkende Tugend", die Nietzsche noch als die höchste preist, ohne Lohn und Gegengabe betätigen mochten. Des weiteren ward ein riesiger Holzklotz nm die Zeit des Jülfestes ins Feuer geschoben, gleichsam, um mit ihm die