Die russische Mobil m a ch u ng 19 ! -!
Die russische Mobilmachung
von G. Frantz, Archwrcit im Reichsm'chiv
!-^ir müssen es dankbar begrüßen, wenn von russischer Seite Persönlichkeiten, die handelnd im Mittelpunkt der Ereignisse gestanden haben, Beiträge zur Klärung jener Vorgänge ans den letzten Julitagen 1914 in Petersburg liefern, von denen nns eine wissenschaftliche, auf autheutischem Material aufgebaute Geschichtsdarstellung kaum jemals ein objektives richtiges Bild wird geben können. Des russischen Generals Dobrorolski Angaben im erstell Heft des „Wajenny Sbornik", der in Belgrad erscheint, verdienen deshalb vollste Beachtung, weil er seit 1901 dem Generalstabe in Petersburg, seit 1910 der dortigen Mvbilmachungs- abteilung angehörte und in den kritischen Tagen des Kriegsausbruches der erste Berater des Generals Jannschkewitsch für alle Mobilmachnngsfragen war, sodaß wir annehmen müßten, von keinem besser als von ihm Aufschluß über die durchaus noch uicht geklärten Vorgänge der Mobilmachung in Rußland zn bekommen. Und wenn wir auch annehmen müssen, daß er sich anch hellte noch nicht von jeneil Vorurteilen frei machen konnte, in denen offizielle und inoffizielle, aber starken politischen Einfluß ausübeude.Kreise Petersburgs damals lebten, so können wir uns doch ans seiller Darstellung manches herausschälen, was uns zur Frage des Kriegsausbruches und der Kriegsschuld von großem Werte sein muß.
Zunächst müssen wir eine Angabe von größter Bedeutung Heransheben, an dereil Richtigkeit zu zweifeln wir keine Veranlassung haben, weil sie uns durchaus verständlich erscheint. Dobrorolski berichtet nämlich, in den Vorarbeiten des Generalstabes sei 1914 eine Teilmobilmach u u g gegen Österreich-Ungarn nicht berücksichtigt geweseu und ihre Improvisation im Juli 1914 hätte zu den verhängnisvollsten Folgen für den ganzen Heeresapparat führen müssen ~ wenn einige Tage später die Gesamtmobilmachung doch nötig war. Als Januschke- witsch ihn am 24. Juli mit dem Material zur Teismobilmachnng zum Vortrag befiehlt, macht Dobrorolski seinen Chef deshalb pflichtmäßig auf die schweren militärische» Bedeukeu, die ciuer Teilmobilmachuug entgegenstehen, aufmerksam- es sei nötig, einen völlig neuem Aufmarschplan gegen Österreich-Ungarn zu improvisieren lind hierbei die ganze Nordfront Galiziens, die ja in dem nicht mobilisierten Militärbezirk Warschau liege, ungedeckt und frei zu lassen. Der Soldat und Generalstabsvffizier Dobrorolski hat recht, wenn er sich mit aller Macht aus organisatorischen nnd strategischen Gründen gegeir eine solche, operativ die denkbar ungünstigsten Verhältnisse für Rnßland heraufbeschwörenden Maßnahme einer Teilmobilmachuug sträubt. Zum Verständnis der Lage ist es notwendig, Dobrorolskis Darstellung ergänzend hinzuzufügen, daß aus den von der Teilmobilmachuug berührten Militärbezirken Kasan und Moskau zahlreiche Verbände ihre Aufmarschräume au der preußischen oder galizischen Grenze im Bereich des Militärbezirkes Warschau hatten, außerdem iu Moskau und Kasau, dem großrussischen Kerngebiet des Reiches, die Masse der mich für andere Militärbezirke bestimmten Reservisten mobil wnrde. Dobrorolski übersah naturgemäß diese Lage und die daraus notwendig folgende völlige Destruktion der Mobilinachnngsbereitschaft des Gesamtheeres. Politisch verfolgte Dobrorolski mit der Befürwortung der Ge- samtmobilmachuug aber einen höchst bedenklichen Kurs. Denn im Generalstabe mußte man wissen, daß Deutschland eine Gesamtmobilmachuug Nußlauds uicht anders als mit der lmverzüglichen Eröffnung der Feindseligkeiten beantworten konnte, wollte man nicht Deutschland zutrauen, daß eS voll vornherein und mit vollem Bewußtsein seine überlegene militärische Stellung preisgeben wollte.
Die Einwirkung Dobrorolskis auf den Gcueralstabschef Jauuschtewusch scheint aber angesichts der politischen Bedenken zunächst keinen Erfolg gehabt zil haben. Vom Krourat am 24. Juli, 5 Uhr nachmittags iu Kraßnoje Sjelo,