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Weltspiegel
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O. G. v. Wesendo >lk

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Zwischen den Konferenzen. Die Reihenfolge der Beratungen, wie sie in London zwischen Lloyd George und Bricmd vereinbart worden ist, ist umgeworfen worden. Nicht das Orientproblem, sondern die Entschädigungsfrage und in Ver­bindung mit ihr der Wiederaufbau Europas sollen zuerst behandelt werden. Die Tagung von Cannes wird also der Zusammenkunft der auswärtigen Minister Frankreichs, Englands und Italien vorangehen. Noch früher werden sich Lloyd George und Briand am einladenden Gestade des Mittelmeers treffen und unter vier Augen die durch die Weihnachtstage unterbrochenen Gespräche in London fortsetzen. Eine praktische Lösung wird der Meinungsaustausch zwischen Briand, Curzon und Toretta über den Nahen Orient kaum erzielen können. Von den beiden streitenden Elementen im Osten sind, nachdem die Griechen sich um die Vermittlung der Entente bemüht und zu ihrem Schaden auf einen unmittelbaren Friedensschluß mit Angora verzichtet haben, die Türken ein selbständiger Faktor der politischen Entwicklung, nicht aber ein Objekt, über das man in Paris, London oder Rom einfach verfügen kann. Trotzdem bleibt die Gefahr bestehen, daß England schon vor der amtlichen Beratung der auswärtigen Minister im Nahen Orient Kompensationen geboten werden, für die Frankreich Entschädigungen Deutschland gegenüber erwartet. Zu sehr zurückhaltender Beurteilung des Er­gebnisses von Cannes mahnen jedenfalls die arg verklausulierten Darlegungen Vriands im französischen Senat. Er lehnte dort einen Nachlaß der französischen Forderungen rundweg ab. Ebenso will Belgien bekanntlich nicht auf seine Vor­rechte verzichten. Briand behauptet andererseits, Frankreich könne sich der Wieder- aufrichtung Mittel- und Osteuropas nicht entziehen, ja, der französische Minister­präsident meinte sogar, Deutschland dürfe aus der Gesundung Rußlands Vorteile ziehen, wenn diese nur der Abtragung der Reparationsschuld zugute kämen.

Damit geht der französische Ministerpräsident scheinbar auf die Gedanken­gänge ein, die in England über die Wiedereinbeziehung Rußlands in das Welt- wirtschaftssystcm und die Verwendung deutscher Arbeitskraft für die Erschließung des russischen Reiches laut geworden sind. Eine sehr weitgehende Kontrolle des deutschen staatlichen Lebens soll den französischen Projekten zufolge den Gläubigern die Sicherheit dafür bieten, daß Deutschlands Zahlungskraft ganz in den Dienst der Reparation gestellt, das heißt in erster Linie für Frankreich verwendet wird. So soll auch der Ertrag dessen, was deutscher Unternehmersinn in Naßland er­reichen kann, in die Taschen von Frankreich fließen. Die militärische Vorherrschaft ist für die Franzosen nur die Folie eines umfassenden Planes zur wirlschaMichen Ausbeulung Europas und des Ostens. Politik und wirtschaftliche Expansion streben dem gleichen Ziele zu, dem zuguterletzt die inneren Kräfte der Franzosen allerdings nicht gewachsen sein mögen, das jedoch zeitweilig zum lastenden Alp­druck werden kann: unter Anspannung des Fleißes des deutschen Volkes will sich Frankreich die Kontrolle der europäischen Produktion sichern. Die drohende Gefahr haben zuerst die Italiener erkannt, die seit dem Ende des Weltkrieges freilich nicht mit genügender Entschlossenheit für ihre eigensten Interessen eingetreten sind, sondern hin- und hergeschwankt haben. Auch England ist offenbar erwacht. Das militärische Gespenst einer Bedrohung durch Frankreich erregt aller Pressestimmen ungeachtet in England weniger Furcht, als man oft annimmt; der Brite meint, im geeigneten Augenblick jeder solchen Gefahr gewachsen zu sein. Ernster nimmt man dagegen endlich den wirtschaftlichen Ehrgeiz der Franzosen,

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