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Der deutsche Kulturverfall und seine Ursache die Typisierung des Geistes
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Maximilian Loham

Der deutsche Aulturverfall und seine Ursache die Typisierung des Geistes

von Maximilian Lohain

^ine ganze Reihe von deutschen Zeitungen ließ die letzten Noten der Entente an die deutsche Neichsregierung vonDr." Lloyd George unterschrieben sein. Lloyd George hat bekanntlich keinen Anspruch auf die Führung des Doktortitels; es liegt also sicher eine Verwechslung mit seinem Vornamen David vor, der nnter jenem Dokument mit D. abgekürzt war. Eine Berliner Morgenzeitung stellte diese Tatsache mit der Beobachtung zusammen, daß der Name des frühereu deutschen Reichsministers des Äußern in der Entente-Presse gewöhnlich mit Dr.von" Simons wiedergegeben wurde. Sie knüpfte daran die Bemerkung, daß man sich offenbar im deutschen Jnlande einen Minister, der nicht zur Führung des Doktor- titels berech!igt ist, ebensowenig vorstellen kann, wie man sich im Auslande einen deutschen Außenminister zu denken vermag, der nicht auf ein respektables Adels- oräditat Anspruch hat. Diese Folgerung gibt, besonders unter Berücksichtigung der augenblicklichen politischeu Lage, zu denken. Sie bietet nicht allein einen An­laß zum Spott über die maßlose Titelsucht der Meuschhcit, sondern ist vielmehr als das Kennzeichen einer verhängnisvollen Verkennuug aufzufassen, der die abendländische Kultur zum Opfer gefallen ist. Dieser große Irrtum ist die Ver­wechslung von Qualifiziertheit und Qualitätskennzeichcn, von Atrappc und Inhalt. Er entspringt der Typisieruug nnd Normalisicrnng des abendländischen Gcistes- wesens.

Vor kurzer Zeit trat in Genf der Völkerbuudsausschuß uud kurz darauf in Paris der Rat der Ratlosen zusammen, nm über das Schicksal Oberschlesiens zn entscheiden. Wir konnten schon vorher davon überzeugt sein, daß das Resultat dieser Zusammenkünfte sich von den Resultaten der voraufgegangenen Konferenzen auf Gruud der augenblicklichen politischen Einstellung nicht unterscheiden wird. Die Probleme des künftigen Wiederaufbaues werden ans Grund desselben poli­tischen Typus nnd der gleichen Norm behandelt, wie es bisher üblich war. Und niemand hatte daran gedacht, daß die Probleme sich geändert haben und daß eine neue Einstellung ihrer Lösung nötig war.

Wie es auch dem größten Mathematiker unmöglich sein wird, den Aufgaben der Infinitesimalrechnung mit dem Axiom der Euklidischen Mathematik beizu- kommen, so konnte es den Männern in Genf und Paris nicht gelingen, Ober­schlesien, das Rätsel der Reparation, mit den Grundsätzen der seit allers typi­sierten und normalisierten Politik zn lösen. Aber andere Grnndsätze wollten sie weder erkennen, noch anwenden, und so mußte die Lösung eben scheitern. Wir tragen zwar für das Ergebnis von Genf und Paris keine Verantwortung, aber wir sind alle das von ihm betroffene Objekt. Doch auch, wenn wir es nicht wären, gebielet es dem Denkenden die Stimme der Vernunft, den richtigen Weg, wenn, wir ihn wissen, wenigstens zu zeigen, den Weg, auf dem es der Menschheit, wieder möglich sein wird, aus dein Dunkel unserer Tage herauszufiudeu. So merkwürdig es scheinen mag, eines der Mittel, nm diesen Weg zn finden, ist die richtige Einstellung der Qualifikationsfrage. Denn es ist klar, daß allein die, Hvchstqualifizierteu die regulierenden Faktoren beim Wiederaufbau sein können. Deshalb ist die Qnalifikationsfrage so wichtig, weil es nötig ist, denjenigen Kräften Wirkung zu geben, die in der Tat in der Lage sind, den Weg in die Zukunft zu schauen und zn finden.

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