„Die suggestive Karte"?
„Die suggestive Aarte"?
Von Professor Dr. A. Haushofer, Generalmajor a. D.
Die suggestive Karte! Deutsche Gewissenhaftigkeit frägt: Darf eS denn eine andere Karte gebrn, als ein Abbild der Er dobei fläche oder eines Teiles von ihr. das nach höchster Wcsenstreue strebt, und danach, wenigstens soviel von ihr auf einem Blatt wiederzugeben, als irgendwie mit Druckerschwärze und Farbe darin unterzubringen ist? Tatsächlich finden wir unser Kartenwesen, und zwar in einem gewissen Gegensatz zu dem anderer großer Weltvölker, vorwiegend von diesem Zug fast kleinlicher Treue im Kleinen bei oft mangelnder Piägnanz geleitet: nur deshalb war es möglich, daß unsere eigenen Karten den Zerstörern der deutschen Weltgeltung mit als die brauchbarsten Werkzeuge dienen konnten I (Vgl. Wilsons Informationen über Osterreich und Polen! LnöracZame's: l/Zurvpe et !a question ci'^utricrie!)
Im Gegensatz zur deutschen Kartendarstellung ging die englische — weil sie eben beide ein Ausfluß deS Nationalcharaklers waren, und zwar ein besonders kennzeichnender — rmit mehr vom Typisieren, vom Schaffen eines suggestiven, das Wesentliche heraushebenden. Zufälliges, Sonderlebiges eher unterdrückenden Karteubildes aus, ganz wie England auch seine Menschen prägte: den einzelnen im Durchschnitt sicher weniger reizvoll und umfassend, oft auch weniger aufschlußreich und tief, aber für einen großen zusammenfassenden Zweck biauch- barcr: Mensch und Karle! — Lebensform im Erdraum, und Abbild davon!
Ein Beispiel: Der klare inhaltsreiche Aufsatz von I. März: Die Landkarte als politisches Piopagandamittel (Gartenlaube 1921 Nr. 16 Seile L6l) fühlt sich in Deutschland fast als Ketzerei, sagt Dinge — und belegt sie! —, die als Abweichendes empfunden werden, politisch geographische Binsenwah'heilen, die wir aber meist unberücksichtigt ließen, was März gerade an unseren Rassen-Zusainmen- setzungskarten gegenüber den polnischen schlagend nachweist. Der etwa auf der gleichen Linie wie die Arbeit von März sich bewegende englische Aufsatz von Robert Louis Stevenson: „0n maps" des Bandes V des Roy Svc. G.ogr. Journal bringt — für die englische Auffassung — anmutig zusammengefaßte Selbstverständlichkeiteu, neben anregenden Betrachtungen über Landkarten als Tummelplatz geographischer Einbildungskraft — ein Beweis neben vielen, wie selbstverständlich die „suggestive Karte" als politisches Hilfsmittel dem Angelsachsen, aber auch dem Franzosen, Javaner und Russen ist, wie sie es im 16. und 17. Jahrhundert dein Spanier, im 17. und 18. dem Niederländer war.
Wer jemals selbst Karten gezeichnet hat, weiß, daß diese Arbeit nur zur kleineren Hälfte wissenschaftliche, zur größeren echte Künstlerarbeit ist (fieilich nicht als solche anerkannt und bezahlt I), Jedem Km stiverk haflet Subjektives, haftet vor allem die Spur des Entwicklungsganges des Künstlers an. Damit erklärt sich — entschuldigt sich aber nicht in seinen gefährlichen Folgen für das Leben von Staat und Volk — der Unterschied zwischen der deutschen und der westeuropäischen Kartographie, der sich im gediegeneren Inhalt, dem größeren Tatsachenreiäitum der unseren, dem feineren Verständnis für suggestive Wirlung, völkerpsychologische Folgen und Wiedergabe des Wesentlichen nnd Typischen bei den Fremden ausspricht (denn die Mehrzahl der neu aufkommenden Mächte folgt dem fremden System: Amerika, Japan. Polen, die Tschechoslowakei).
Die deutsche Kartendarstellung kommt eben vielfach vom bienenfleißigen Verarbeiten fremder geopolitischer Erdbild'Erweiterungen, fremder Reisen, fremder Erschließung großzügiger Erdräume in raumgedrängte Darstellungen in engen Räumen her; die angelsächsische ist fast immer vom praktischen Zweck, von den Vorstellungen der vereinfachenden, nur das Wesentliche, das aber leicht erfaßbar.
Grenzboten I 1922
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