Vom deutschen Volkscharakter
Vom deutschen Volkscharakter
Von Fritz Aern
(8s gibt keinen Lnsracter inckelöbilis in der Geschichte. Schon die in der Körperlichkeit einer Rasse sich offenbarenden Charakterzüge sind zum Teil nachweisbar im Laufe der Geschichte erst erworben. Beim deutscheu Volk ist das für eine Reihe von Merkmalen anzunehmen, die hente als typisch gelten können, so die mehr aus Fleiß, Ordnung und bernfliche Tüchtigkeit als auf persönliche Gewandtheit und Selbstdarstelluug hinweisende Mimik nnd Physiognomik. Die gewöhnlich als deutsch angeführten körperlichen Merkmale sind teils Eigenschaften, aller arischen Nordrassen in: Gegensatz zu den Mittelmeerrasseu (tiefliegende Augen), teils nur einem Teil der Deutschen eigen, wie z. B. die Niederdeutschen den Skandinaviern nnd Engländern im einheitlichen überwiegen des blonden, langschädligeu Typns näher stehen als den Süd- nnd Westdeutscheu. So tritt schou hierin zutage, daß das deutsche Volk eine stärker differenzierte Einheit darstellt als z. B. der angelsächsische Stamm, der trotz seiner heutigeu Größe durch seineu geringeren Reichtum an innerer Gliederung sich noch immer als bloße Teilverwirklichung der im deutschen Ursprung angelegten Cmtwicklnngsinannigfaltigkeit ausweist. Eiue durchgängige Verschiedenheit der Germanen von Slawen uud Romanen, überhaupt von allen Rassen der Welt »vollen neuerdings Sievers nnd Becking an eiuer eigentümlichen Ausdrucksschattierung in Rede und Gestus experimentell festgestellt haben; man kann sie als fühlbare Spröde, innere Hemmung, schwerflüssiges Sichgeben bezeichnen. Aber nnch hiervon zeigt Süddeutschland zahlreiche Ausnahmen, die der italischen Ausdruckslinie näherkommen, so- daß wiederum die Norddeutschen — auch sie uicht ohue Durchbrechungen — den Skandinaviern und Angelsachsen urverwandter erscheinen als den Süddeutschen, mit denen sie doch eine unendliche Fülle geschichtlich erworbener Genieinsamkeit des Seelischen uud Kulturellen verbindet.
Im seelischeu Volkscharakter überwiegen di«, Züge, die sich im Lauf der Geschichte gebildet und umgebildet haben nnd vermutlich auch fernerhin bildsam bleiben, weitaus die nachweisbar unveränderlichen Züge. Mehr dnrch intuitive Ahnung als durch strengen Nachweis werden wir Innigkeit, Tiefe oder Weichheit des Gemüts den Deutschen aller Jahrhunderte in auszeichnendem Grade zuschreiben dürfen; zufällig ist es doch wohl uicht, daß die beideu germanischen Stämme, welche in den Anfängen der Überlieferung sich durch Kälte uud Schärfe von den übrigen unterscheide«, die westlichen Franken und die Normannen, bei der Bildung der eigentlich deutschen Eigenart kaum mitgewirkt, dagegen einen wesentlichen Einschuß iu die französische nnd englische Nationalität abgegeben haben. Jedenfalls aber haben spätere geschichtliche Schicksale die Weiterbildung des Deutschtums uach der Richtung form-uusichcrer Innerlichkeit begünstigt.
Als Nordrasse neigen die Germanen zur Langsamkeit uud Hartnäckigkeit; schwer in Bewegung zu setzen, hält das nordische Temperament fest, was es einmal ergriffen hat. Dieser Zug bildet sich jeuachdem zur zttheu Konsequenz im Verfolgen von Zielen oder zum persönliche» Starrsinn im Behaupten, des Eigenen. Jene, die Konsequenz, zeigt der Angelsachse mehr in der Politik, diesen, den Eigensinn, mehr in der Weltcmschauuug und Wirtschaft, - ber Deutsche umgekehrt. Kleinbiirgerliche Unbelehrbarkcit und Formschwerfällig-
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