Heft 
81 (1922) 81. Jahrgang.
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Die Grenzboten

Politik, Literatur und Runst

6^. Jahrg., 7. Januar Nummer Z

Liberalismus des Herzens

Vom Schriftleiter

(^iu Progrannn zum neuen Jahr?

Pfui über die Programme!

In diese Werdezeit, in diese Gärung nach dem verlorenen Kriege in einer Zeitschrift mit einem festen Programm zum neuen Jahre anzutreten, wäre das nicht eine Blasphemie auf jene Zeit?

Hieße das nicht neue Begriffe mit alten Worten nennen? Mit welchem Wort verbindet sich noch der gleiche Begriff wie vor dein Kriege?

Wir leiden unter dem Fehlen neuer Worte für die werdenden Begriffe!

Die politischen Begriffe sind angesichts des inneren Zusammenbrechens der bürgerlichen und sozialistischen Weltanschauung, und der in erbärmlicher Nacktheit dastehenden Parteien mehr oder minder Schemen. Ressentiments: liebe Erinne­rung, herrliches Märchenland, stolzes Erlebnis, Dinge, an die der Einzelne und wir alle uns hilfesuchend klammern, während wir in die Leere tasten.

Wir haben altes Land verlassen, stehen an Bord unseres Schiffes, einst 'stolz und seetüchtig, jetzt von langer schwerer Fahrt durch die Stürme des Krieges, der Revolution und der Not zerzaust, und erblicken, wie sehnsuchtig wir auch ausspähen, das neue Land nicht. Nur das brausende, uns umstürmende Meer der neuen Begriffe. Aus dem Brüllen der See aber wollen sich noch immer nicht Worte zu diesen Begriffen bilden.

Werdende Worte brodeln überm Feuer eines qualvoll-langen Krieges, einer schwärenvollen Nachkriegszeit, eines gewaltigen sozialrevolutionären Experiments wie glühendes Eisen, das auf die Form wartet, die es aufuimmt und gestaltet:

Siehe, das ist Deine, das ist Unsere neue Welt!

^ Vaterland, Religion, Philosophie, Ethik sind schwankende Begriffe geworden, die keinen Halt mehr gewähren. Grenzboten I 1922