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Neue erzählende Literatur
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Neue erzählende Literatur
von Dr, R, Schacht
enn Wir einmal versuchsweise Literatur mit Schrifttum übersetzen sollen, so erhellt sofort, daß der Ausdruck erzählende Literatur ein Widerspruch in sich ist. Denn „erzählt" wird, wenn wir das Wort in seiner natürlichen Bedeutung auffassen, mündlich und vor Zuhörern, während Schrifttum Leser voraussetzt. Tatsächlich wird man zu gewissen Zeiten der Dichtungsgeschichte die erzählende Literatur als Entartung aufgefaßt haben können, wie zu andern die unge- sungene Lyrik und das Lesedrama. Alle drei setzen eine bedeutende, sozusagen naturgewachsene Entwicklung voraus, zugleich aber ein Publikum, das sich von den 'gewissermaßen natürlichen Gepflogenheiten der Dichtung losgemacht hat, nicht mehr in Gemeinschaft hört, nicht mehr singt, nicht mehr anschaut, sondern sich zurückzieht und liest. Diese Entwicklung gibt zwar dem Künstler eine große Menge anderer,und neuer Ausdrucksmöglichkeiten (Umfang, Verknüpfung, Beschreibung, Schilderung, Analyse usw.), belädt dafür aber die Gattung, auch bei der Lyrik, wo man es vielleicht am wenigsten zuzugeben geneigt sein wird, mit einem eigentümlichen Zwittercharakter, den sie nie wieder losgeworden ist und der das kritische Einstellen ungemein erschwert.
Weswegen lesen wir erzählende Dichtungen? Zunächst aus demselben Grunde, aus dem man sich früher erzählen ließ: zur Unterhaltung vor allem, danach auch zur Belehrung. Die Anregung der Phantasie, die neue Gestalten sieht, oder sich an alten erfreut, vom Verlauf einer Handlung gespannt wird, von Geschehnissen erheitert oder gerührt, die Erweiterung des Gesichtsfeldes, Klärung und Formung der eigenen Lebenseindrücke durch bestimmte Formeln und Typen, das etwa sind die hauptsächlichsten Reize, die wir vom Buche fordern. Damit ist aber zugleich gesagt, daß das gleiche Buch verschiedenen Lesern viel oder wenig bedeuten kann und daß eine nur am Formalen geübte Kritik weder dem Buche noch den Lesern ganz gerecht wird. So mancher wird auch in einem schlechten oder minderwertigen Buche eine Fülle der Spannung, der Bereicherung oder irgendwie des Genusses finden, und mancher ein gutes Buch als langweilig oder interesselos beiseite legen. Denn leider sind ja die Zeiten, da der Schriftsteller oder Dichter für einen in sich abgeschlossenen Kulturkreis schuf, sei es für einen ritterlichen Adel, für höfische Humanisten, für ein wohlhabendes mittleres Bürgertum, sür ein bestimmtes großstädtisthes Theaterpublikum oder für das Volk, mit der zunehmenden Verwischung der Standesgrenzen und unter dem nivellierenden Einfluß der allgemeinen Bildung vorbei, und wenn auch einige große Verleger heute noch immer mit bestimmten irgendwie gleichmäßig vorgebildeten Schichten des Publikums rechnen, die Dichter haben das sichere Gesühl für ihre Wirkungsmöglichkeiten vielfach zum Nachteil eines reinen, in sich zielbewußten Stilwillens verloren.
Das Volk selbst aber oder genauer das Lösepublikum hat es in der Hand, die Qualität semer Schriftsteller durch Boykott der Schlechten zu verbessern, eine Pflicht, die unerbittlich auszuüben eine lange nicht genug beobachtete Angelegenheit unseres Kulturlebens ist. Bequeme Kritiklosigkeit, leckerhaftes Tändeln, unbesonnene Befriedigung primitiver Instinkte sündigen hier mehr, als uns sür gewöhnlich zum Bewußtsein kommt. Der sogenannte naive Genuß mag etwas sehr Schönes sein, gewöhnlich artet er jedoch in demoralisierende Denkfaulheit und entnervende Opiatbetäubung aus. Der einigermaßen kultivierte Mensch trinkt ja auch nicht aus schmutzigen Gläsern und fragt sogar bei seiner Schokolade nach Qualität, er wird auch bei seiner Lektüre nicht auf grobstosfliche Spannung, Sensation, Befriedigung seiner natürlichen Abenteuerlust oder augenblicklichen Sucht nach geistigen Räuschen ausgehen, wenU diese Reize wider sein fein ausgebildetes Stil- und Sprachgefühl gehen, wenn er ins Vage, Schlüpfrige, oder in