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Umgestaltung Oesterreich - Ungarns
Lande die „Nationalitäten" durch den wirtschaftlichen Gewinn Ungarns und durch Versprechungen, -aber auch durch Zwangsmaßregeln enger an'das Mad- jarentum fesseln, die demokratische Strömung durch eine gang ungenügende Wahlreform abspeisen und der Welt mit den bewährten Hilfsmitteln ungarischer Preß- und Agitationspolitik nach wie vor einreden zu können, Ungarns parlamentarische Oligarchie sei eine wahrhaft demokratische Verfassung und die „Nationalitäten" genössen die vollste Freiheit. Diese Vorspiegelungen versagten der Entente gegenüber völlig und auch den madjavenfreundlichen Reichsdeutschen kamen immer stärkere Zweifel. Dagegen wuchs die Erbitterung der ungarländischen Nationalitäten, die für ihre eigene Unterdrückung bluten sollten, und die der Österreicher in ungeahntem Maße. Noch als die äußere Lage immer bedrohlicher wurde, versagte man den Südslawen eine Vereinigung und größere Freiheit im serbokroatischen „Subdualismus", mit der sie vielleicht zu gewinnen gewesen wären und forderte den „Banat Bosnien" für Ungarn. Die Rumänen wurden in Widerspruch zu früheren Verheißungen immer stärker gedrückt. Die natürlichen Bundesgenossen der Madjaren aber, die österreichischen Deutschen, entfremdete man sich durch die Wirtschaftspolitik, durch die fortgehenden Beschimpfungen und Drohungen gegen Österreich, und durch das Unterbleiben jeder politischen Unterstützung. Das Gefühl, man führe den Krieg nur zugunsten Ungarns und seiner Ansprüche, und die Erkenntnis, Ungarn werde durch die Verarmung Österreichs immer reicher, verbreiteten sich überall in Osterreich und wurden eine wesentliche Ursache der wachsenden Kriegsmüdigkeit und Erschlaffung. Schließlich suchten die Madjaren ihr verzweifeltes Spiel dadurch zu retten, daß sie Deutschland verrieten und sich der Entente zuwandten; zuletzt trennten sie sich auch von Osterreich, indem sie nicht Waffenstillstand verlangten, sondern durch Waffenstreckung und Neutralitätserklärung, ja durch die Versicherung, Freunde der bisherigen Feinde werden zu wollen, von diesen die Sicherung der „Integrität Ungarns" zu erlangen suchten. Sie haben dadurch Wohl alle Sympathien bei Freund und Feind verloren! vielleicht aber gewähren ihnen die Feinde aus taktischen Gründen wenigstens vorläufig günstigere Bedingungen. Dagegen haben sie es sich mit den Südflawen und den ungarischen „Nationalitäten" durchaus verdorben.
In Osterreich standen die Regierungen von Anfang an der Gegnerschaft der führenden Kreise bei Slawen und Romanen gegen den Einheitsstaat gegenüber, deren Äußerungen sie Wohl den Deutschen, nicht aber sich selbst und den Feinden verbergen konnten. Sie hatten die Wahl, sich entschieden sür das Staatsprogramm der Deutschösterreicher zu erklären und sich auf die breiten, dynastischen und im ganzen staatstreuen bäuerlichen Massen der andern Völker zu stützen oder aber den Forderungen .nach nationaler Absonderung rückhaltslos zuzustimmen. Im ersten Fall wäre es nicht aussichtslos gewesen, mit starker aber sanfter Hand den Einheitsstaat und sein äußeres Zeichen, die deutsche Staatssprache, rechtzeitig zur Geltung zu bringen, die passiven Massen der nichtdeutschen Bevölkerung zu politisieren und an Stelle der antiösterrnchischen Politiker anderen, maßvollen und ausgleichsfreundlichen zur Führung zu verhelfen. Im zweiten mußte man ebenso unverzüglich die Verwirklichung der nationalen Autonomie, oder wenn sich diese, wie zu erwarten war, als undurchführbar erwies, des nationalen Föderalismus versuchen. Man entschloß sich zu keinem von beiden Wegen, sondern schwankte zwischen Versprechungen nach der einen und vorbereitenden Schritten in der andern Richtung hin und her, wobei ziviler und militärischer Bureaukratismus nicht immer die gleichen Ziele ins Auge faßte. Dabei spielte das zeitvergeudende Bestreben, die Polen für Regierungsmehrheit und Budgetbewilligung Ku gewinnen, eine große Rolle, auch noch, als ihr Ausscheiden aus dem engeren Osterreich zugestanden worden war. Die Folge war, daß die Deutschen zurückgedrängt, verbittert und ihre Bürger und Bauern ohne Parteiunterschied immer mehr auf den rein nationalen Standpunkt gebracht, die Nicht- deutschen aber zu immer weitergehenden Forderungen und zum offenen Zusammenarbeiten mit den äußeren Feinden ermutigt wurden. Den Ernst ihrer, bald vom Nationalitätenbundesstaat „im Rahmen der Monarchie" zu voller