Beitrag 
Volkscharakter und Individuum
Seite
115
Einzelbild herunterladen
 

England und die baltische Frage

115

Werte Geschlossenheit ihres Wolkscharakters einerseits durch strengste Ab­geschlossenheit gegen Volkssremde und anderseits durch die Schaffung einer eher­nen Tradition in der Thors. Die Chinesen verfuhren ähnlich. Sie sperrten sich durch ihre Mauer gegen das Ausland ab und entwickelten mit zähem Konservativismus eine immanente Tradition, die alle landfremden Einflüsse (wie den Buddhismus) doch vollkommen in ihrem Geiste umzubiegen vermochte. Ob diese Einheitlichkeit das höchste Ideal ist, bleibt dennoch eine offene Frage.

s -i-

Wir finden also, daß es zwar immerhin einen Volksgeist gibt, der jenseits aller Individualitäten sich auswirkt, daß laber trotzdem nur mit allergrößten Vor­behalten dieser Volksgeist als einheitliche und konstante Größe in Rechnung ge­stellt werden darf.

Und mit dieser, auch sür die Praxis wichtigen Erkenntnis kommen wir wieder zum Ansang unserer Betrachtungen zurück. Hat uns doch die jüngste Zeit gelehrt, daß es möglich ist, den Geist und Charakter eines Volkes bis schier in sein Gegenteil umzubiegen! Wir haben erlebt, daß die als wankelmütig ver­schrienen Franzosen unter dem Druck einer gewalttätigen Regierung und einer ungeheuer suggestiven Presse leine hartnäckige Zähigkeit entwickelt haben, die sie an den Rand der Selbstvernichtung brachte. Wir haben gesehen, daß die als nur erwerbsgierig verschrienen Amerikaner sich in einen Krieg stürzten, der für einen großen Teil des Volkes wir dürfen uns darüber nicht täuschen von idealen Motiven eingegeben wurde, mögen wir auch hundertmal diese Ideale als falsch und verschwommen kennzeichnen. Und derartiger Beispiele gibt es noch viele, die alle beweisen, daß der Volkscharakter zwar vorhanden, aber sehr schwer in feste Begriffe zu zwingen ist, vielmehr beständig lallen möglichen Wandlungen und Schwankungen ausgesetzt ist, die kaum mit Sicherheit vorher zu berechnen sind. Daher wird, wenn man je zu gründlichen Forschungen über die Psycho­logie der einzelnen Völker gelangen wird, es dringend von nöten sein, sich dieser Variabilität der Ergebnisse bewußt zu bleiben. Nur so wird es möglich sem, jene schweren Fehler zu vermeiden, zu denen uns das falsche Vertrauen auf die Anwendbarkeit unserer vermeintlich festen Begriffe von fremden Volkscharakteren gerade in diesem Kriege geführt hat.

Ä^Äü?/D//Ä?^

England und die baltische Frage

von Hadubert

ie östliche Neuorientierung ging bislang von der Voraussetzung aus, daß England in der Randstaatenfrage keine unmittelbaren politischen Interessen hat und wenn auch scharfen Auges, so doch lediglich als höhnischer Zuschauer der wachsenden Verwicklung der östlichen Fragen für Deutschland folgt. Nachdem ich in den baltischen ^Landen Gelegenheit zur Fühlungnahme mit Politikern aller Nationalitäten gehabt habe, unterliegt es für mich keinem Zweifel mehr, daß eine aktive englische Agitation dort im Lande lebhaft zu unseren Ungunsten am Werke ist. Sähe auch England, wie manche Vertreter deröstlichen Neuorientierung", in einem engen Anschluß des ganzen Baltikums an Deutschland die größte Gefahr für uns, so hätte es allen Grund, Deutschland in seiner Angliederungspolitik gewähren und es so in sein Verderben hineinrennen zu lassen. Der politische Blick unseres klügsten und gefährlichsten Feindes sieht schärfer: im Separatismus der Letten und Esten, in ihrem ehrgeizigen Streben nach staatlich selbständigem Dasein sieht England die bedenklichste Bedrohung für uns. Und eben diesen