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Innere Kolonisation
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Innere Kolonisation

von L. Rall in Köslin

n seiuer Etatsrede vom 10. Jmiuar dieses Jahres führte der preußische Fiumizmiuister zur Begründung der in den Staats­haushalt für 1905 eingestellten Forderung von zwei Millionen Mark zur Förderung der innern Kolonisation in den Provinzen Pommern und Ostpreußen folgendes aus:

Die Abwanderimg in den Provinzen Ostpreußen und Pvmmern, diese Blut­leere, wenn ich so sagen darf, in diesen beiden Provinzen muß in der Tat für jeden zu den allercrnstesten Besorgnissen Anlaß geben. Nimmt diese Abwanderung, diese zunehmende Verarmung an Menschen in jenen Provinzen, die einst den Staat in der schwersten Stunde der Not wieder aus seiner Not befreit haben, zu, so wird die wirtschaftliche nnd die politische Leistungsfähigkeit dieser Provinzen all­mählich erschüttert werden. Nach dem statistischen Jcchrbuche für den preußischen Staat haben die Landgemeinden und Gntsbezirke in Ostpreußen von 1885 bis 1900, also in fünfzehn Jahren, eine absolute Abnahme von 63000 Menschen erfahren. Nach dem Bericht des Oberpräsidenten haben 28 Landkreise in der fünfjährigen Periode von 1895 bis 1900 eine Verminderung ihrer Einwohnerzahl erfahren, und zwar um 42000 Menschen. Um die ganze Bedeutung dieser Zahlen zu würdigen, muß man den Überschuß der Geburten über die Todesfälle in Rechnung stellen. Nach einem mir vorliegenden Berichte haben, wenn man diesen Geburtenüberschuß in Rechnung stellt, die Gutsbezirkc und Landgemeinden Ostpreußens in zehn Jahren nicht weniger als eine Viertelmillwn Menschen verloren durch Ab- und Aus­wanderung. Ähnlich liegen die Verhältnisse in Pommern. Die Landgememden und Gutsbezirke haben von 1895 bis 1900. also in fünf Jahren, eine absolute Ein­wohnerabnahme von 13000 Seelen erfahren, und nach einer mir gemachten Be­rechnung hat der Geburtenüberschuß in den Jahren 1886 bis 1895 166000 Seelen betragen, und dieser gesamte Geburtenüberschuß, der vierzehn Prozent der Bevölkerung darstellt, ist vollkommen verloren gegangen durch Aus- und Abwanderungen aus Pommern. Namentlich ist der Bezirk Köslin sehr stark durch die Auswanderungen betroffen worden, nnd es kommt in Betracht, daß auch von Westpreußen in immer stärkerm Maße ein Einbruch von polnischer Seite in die hinterpommerschen Ge­biete erfolgt.

Meine Herren, diese Dinge find doch so ernst, daß wir es für erforderlich erachtet haben, staatlicherseits die Hand zu bieten, um diese Blutleere wenigstens einigermaßen zu beseitigen. Ich habe schon im vorigen Jahre davor gewarnt, zu glauben, als ob der Staat irgendein Allheilmittel in dieser Beziehung habe; das Grenzboten I 1905 90