Beethovens Lroica
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nicht nur und auch nicht vorzugsweise für die „fahrenden Leute der Walze," sondern hat sich in der in christlichem Geiste geübten Krankenpflege, in der Fürsorge für Volkserziehung, in Koch- und Fabrikschulen, in der Begründung von Heimstätten und Bildungsanstalten für Krüppel, Epileptische, entlassene Strafgefangne, durch Begründung von „Seemannsheimen" in deutschen und in ausländischen Häfen, ja sogar dnrch Schaffung von „Soldatenheimen," die diesem wertvollsten Teile der männlichen Jugend eine durch Musik und andern edeln Zeitvertreib gewürzte Ausruh und Behaglichkeit gewähren, neue und wahrhaft großartige Arbeitsgebiete geschaffen.
Das ganze Werk Kaemmels klingt aus in eine umfassende Darstellung unsrer heutigen Bestrebungen und Leistungen auf dem Gebiete der Bildung, Wissenschaft und Kunst. Wenn irgendein Abschnitt des Buches meine Bewunderung herausfordert, so ist es dieser. Ich besinne mich nicht, jemals auf so knappem Raum eine so vielseitige, so objektive, alle wesentlichen Ideen hervorhebende, alle Richtungen geschickt kennzeichnende Charakteristik unsrer heutigen gesamten geistigen und künstlerischen Kultur gelesen zu haben. Hier ist aus tausend Steinchen ein übersichtliches Mosaikbild zusammengetragen, das gerade in seinem engen Rahmen und in seiner Beschränkung auf das Wichtigste die Vielgestaltig^ der gesainten deutschen Produktion offenbart. Eine so kluge Auswahl des Stoffes, eine so durchsichtige Gruppierung und vorurteilsfreie Beleuchtung konnte nur einem durchaus harmonischen, in sich gefestigten Geiste gelingen, der zugleich über die lebhafteste innere Anschauung und eine hohe Gestaltungskraft verfügt. So sind gerade die letzten Kapitel des Kaemmelschen Werks eine künstlerische Tat, die beim Leser den tiefsten und nachhaltigsten Eindruck hinterläßt.
M^MMA
Beethovens Groica
Zu ihrer Jahrhundertfeier (Schluß)
!as bis jetzt Angeführte betraf hauptsächlich dcu innern Charakter; aber auch rein formale Dinge machten Beethoven zuweilen zu schaffen. Mehreren ersten Skizzen zufolge hatte er die Absicht, das Hauptthema am Anfang viermal und dabei einmal in B-Dur ! erklingen zu lassen; erst zuletzt kam er zu der scheinbar naheliegenden Einsicht, daß die Vorwegnahme der B-Dur-Tonart den Eindruck des zweiten Themas schwächen müßte, nnd daß dreimalige Vorführung in der Haupttonart zur EinPrägung genüge.
Besonders wertvolle Aufschlüsse geben die Skizzen zur Durchführung des ersten Satzes. Mit Sicherheit geht aus ihnen hervor, daß zwei vom Üblichen stark abweichende Stellen, die Einflechtung der E-Moll-Melodie nnd der sogenannte Kumulus von Anfang an fest beschlossene Sache waren. Ja diese erweisen sich sogar als die eigentlichen Angelpunkte, um die sich alles dreht, nach denen sich