Zum Andenken
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Licht das Bild des zu früh Dahingegangnen, und wir haben, so oft wir seiner gedenken, das wohltuende Gefühl, daß es nicht blinde, voreingenommne Liebe ist, die unser Urteil leitet, sondern kühle, durch unser Herz wenig beeinflußte Anerkennung seltenster und gediegenster Vorzüge. Das dem Schmelztiegel objektiver Würdigung entstammende Gold ist um so reiner, je weniger uns ein zärtliches Herz verführt, es mit etwa vorhcmdnen Schlacken liebenswerter menschlicher Schwächen leicht zu nehmen. Die Hofleute und die offiziellen Preß- vrgcme entschließen sich ungern zu dem ihnen hart ankommenden Bekenntnis: „Warmer Liebe im Volke erfreute sich der dahingegangne Fürst nicht," und wir verargen ihnen das nicht, da sie den Katafalk des Entschlafnen mit allen Kränzen, die fürstlicher Vortrefflichkeit zuteil werden können, schmücken möchten. Aber ist das Urteil, das die Hand der Geschichte in den Sockel seines Standbilds eingraben wird, weniger rühmlich, weil es nur der seltnen Tugenden des Regenten, nicht aber einer ihm im liebenden Herzen des Volks zuteil gewordnen Anerkennung gedenken wird? Schon die Alten sahen den Erfolg als eine Gabe an, die von den unberechenbaren Göttern mit achtloser Hand ausgestreut wird. Im Grunde doch alle Eigenschaften gehabt zu haben, die zu Hoffnungen auf die schönsten Erfolge berechtigten, und zu früh abberufen worden zu sein, als daß die Blüten zur Frucht hätten reifen können, ist eine Erscheinungsform tragischen Erdenloses, der wir oft begegnen, und aus der uns die Züge des zu früh Dcchingegangnen, wenn sie durch wahre, echte Vortrefflichkeit verklärt sind, desto Heller, wenn auch in wehmütig stimmendem Glänze entgegenstrahlen.
Das langsame, durch keinen dem Ohr oder dem Auge wahrnehmbaren Kraftantrieb verursachte Hingleiten eines Kahns zu seinem Ziel ist besonders geeignet, uns die Heimkehr der Seele in deren ewige Heimat zu versinnbildlichen: so sacht, so lautlos, so feierlich, so von aller irdischen Unruhe losgelöst denken wir uns ihr Dahinschweben, wenn sie auf ausgespannten regungslosen Schwingen ihrem seligen Ursprung wieder zustrebt. Ein Teil des Zaubers von Böcklins Toteninsel liegt in der Wiedergabe dieses Gedankens, und das unvergeßlich weihevolle Schauspiel des unter dem Schleier der hereingebrochnen Nacht in seinem von einem Kranz von Wachsfackeln umgebnen Sarge zur letzten Ruhestätte geleiteten Fürsten konnte in seiner Art ebenfalls als eine Verwirklichung einer solchen bildlichen Auffassung angesehen werden.
Wenn man London und Konstantinopel ausscheidet, weil die Ruhestätten der englischen Königsfamilie nicht in der Hauptstadt, sondern in und bei Windsor liegen, und weil der Padischah innerhalb seiner vier Pfähle lebt und stirbt, so gewährt außer Petersburg und Lissabon nur die Residenz der sächsischen Könige die Möglichkeit eines solchen sich auf dem Rücken eines breit dahinfließenden Stroms über alle Beschreibung schön ausnehmenden Trauergepränges. Es konnte infolge der Länge und der Breite der via tunsralis von Hunderttausenden geschaut werden, ohne daß auch nur einer von ihnen durch das sonst bei solchen Gelegenheiten unvermeidliche Drängen und Stoßen der Neben- und Hinterleute der idealen Vorstellung entrissen zu werden brauchte, daß ein König Georgs „Sterbliches" tragendes, hellerleuchtetes Geisterschiff lautlos an ihm vvrübergleite, und daß er für kurze Augenblicke einem sich schon im Jenseits abspielenden weihevollen Vorgang beiwohne.