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Erinnerungen einer Lehrerin :
(Fortsetzung)
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Ein Brief aus trüber Zeit

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Frauen an" nicht unangebracht, auch den Schülern der Knabenvolksschule den Segen der Erziehung einer gebildeten Frnn zuteil werden zu lassen.) Ich will aber an dieser Stelle nur von dem Einflüsse der Lehrerin auf die Mädchen reden. Dieser ist an den Volksschulen wieder von viel größerer Bedeutung als zum Beispiel an den höhern Madchenschulen, denn an der Volksschule ist die Lehrerin oft wahrend der ganzen Schulzeit die einzige gebildete Frau, die in enge Beziehung zu den Mädchen tritt und ihren Einfluß auf sie geltend machen kann. Man muß aber erst eine Persönlichkeit geworden sein, che man als solche wirken kann. Darum halte ich es für eine durchaus richtige Maßnahme vieler Städte, das Anstellungsalter der Lehrerinnen höher hinauszuschieben, und diese nicht mehr vor dem fünfundzwanzigsten Jahre anzustellen. Ein junges Mädchen, das frisch vom Seminar an die Schule kommt, ist in den seltensten Fällen der ihr harreudeu Aufgabe gewachsen.

Ich stehe aber durchaus nicht auf dem Standpunkte von Anita Augspurg, die kürzlich der Lehrerinnenschaft vorwarf, daß die jungen Lehrerinnen den Berns nicht aus Neigung wählten, sondern diesen andern Frauenberufen, zu denen sie besser paßten, aus Standesrücksichten vorzögen. Darnm hätten sie auch tausend andre Gedanken im Kopf und füllten den Beruf nicht gut aus. Die Erwiderung hierauf hat ja der Lehrerinnenverein schon so gut gegeben, daß ich nur noch hinzuzusetzen habe: An Pflichttreue fehlt es den wenigsten, aber an Erfahrung, Einsicht und an dem nötigen Ernst des Lebens, der sich ja erst mit den Jahren, wenn auch bei dem einen früher, bei dem andern später, einzustellen pflegt. Man muß erst zu einer gewissen Resignation ge­kommen sein und eingesehen haben, daß es besser ist, andern zu nützen, als für sich zu verlangen. Schluß folgt)

(Lin Brief aus trüber Zeit

Mitgeteilt von A. Robolski in Halle a. S, (Schluß)

u kannst Dir aber die Consumtion in meinem Hause denken, nun kam zu den vielen Geflüchteten auch noch das Militär, aber von Herzen gern gab man, was man hatte. Meine Leute, die so treu zu mir gehalten, durften auch nicht vernachlässigt werden. Doch die Freude dauerte nicht lange, das Kommando (Infanterie) marschirte zurück; Scholitz hatte keinen besondren Befehl bekommen, und ich bat ihn, noch zu bleiben, es war sehr gewagt von ihm, aber mit der größten Ausdauer unermüdlich that er mit seinen Dragonern bei dem fürchterlichsten Wetter seinen schweren Dienst. Es kostete mir Mühe, mein Korps wieder in Ordnung Zu bringen, denn auch Seydlitz rückte bald ab, und wir waren wieder ganz auf uns selbst angewiesen, dem ganzen Haß der Insurgenten preisgegeben. Dabei wurden meine eigenen Leute von den Pfaffen in der Beichte bearbeitet; wer vi der Beichte gewesen war, kam nicht mehr zu den Wachen; immer vereinzelter standen wir da, einer meiner jungen Leute brannte mir durch und ging in das Grenzboten I 1905 59