Beitrag 
Erinnerungen einer Lehrerin :
(Fortsetzung)
Seite
438
Einzelbild herunterladen
 

<?M

Erinnerungen einer Lehrerin

(Fortsetzung)

>ch sing meine Besuche im Sommer an und muß ehrlich gestehn, daß ich mehr als einmal daran war, sie wieder aufzugeben, wenn ich in die engen Gassen kam, die die ärmsten meiner Kinder beherbergten. Denn hier findet man die echte Großstadtluft, hier Istrahlen die Häuser eine Hitze und eine Luft aus, die mir oft den Atem genommen hat. Hier spielen ungezählte Kinderscharen, sicher vor jedem Wagen, auf dem Pflaster und tragen den Schmutz auf Kleid und Körper. Hier sind diearmen und kleinen Leute" unter sich. Wenn du hier wohnen müßtest, dann lieber den Tod! habe ich mir oft gesagt. Wie man in diesen Gassen auffällt, wie sich neugierige Augen auf die unbekannte Erscheinung richten!Was will denn die!" hört man hinter sich. Man wird als Ein­dringling angesehen und fühlt sich auch als ein solcher.

Ich will gleich hier an dieser Stelle sagen, um es abgetan zu haben, daß man einzelne Straßen nur mit starker Überwindung betreten kann. Einigemal habe ich mich von einer andern Lehrerin begleiten lassen, um einigermaßen ein Schutzgefühl zu haben, aber jede Begleitung stört bei Hausbesuchen, die Leute werden dadurch mißtrauisch. Ich habe denn auch gefunden, daß eine unnah­bare Haltung (verbunden mit dem Gefühl, ein Legitimationspapier in der Tasche zu haben) hier wie überall ein guter Schutz ist und jede Belästigung verhindert. Selbstverständlich sind solche Wege besonders an trüben Winternachmittagen durchaus unangenehm und verursachen mir mich immer Herzklopfen. Aber gerade diese Besuche sind oft unumgänglich nötig, wenn man das nötige Material zum Antrag auf Fürsorgeerziehung sammeln will.

Die Treppen schon verraten meist die Verhältnisse der Mieter. Manchmal bieten sie, sauber gescheuert und mit weißem Sande bestreut, einen traulich-alt­modischen Anblick, oft aber sehen sie so schmutzig aus, daß man sie nur mit Vorsicht passieren kann, oft muß man auch auf einzelnen Stufen über darauf herumkrabbelnde Kinder hinwegschreiten. Vor meinen Hausbesuchen war mir das WortFlurnachbar" unverständlich. Jetzt weiß ich, daß in den einzelnen Etagen mehrere Familien,Parten" genannt, wohnen, ohne daß eine Korridor­tür die einzelnen Wohnungen (besonders in den alten Häusern) voneinander trennt. Diese Einrichtung bietet meiner Ansicht nach die vielen Anlässe zum Streite, der unter den Leuten herrscht. Jeder hört und sieht zu viel vom andern, denn wie oft geschah es, daß wenn ich kaum zur Tür hinein war, schon eine neugierige Flurnachbarin ohne weiteres erschien und als ein für mich unwillkommner stummer Zeuge (Vorstellungen gibt es natürlich nicht) die Unter­haltung mit anhörte. Jetzt habe ich es allmählich gelernt, diese ungebetnen Gäste zu entfernen.